2014-10-22

BEWERBUNGSGESPRÄCH

Nach einer Stunde hält der Bus mitten im Nirgendwo eines Industriegebiets am Rand einer mittelgroßen, deutschen Stadt. Ich bin der einzige Fahrgast. Die drei anderen sind vor 15 Minuten ausgestiegen. In einem Dorf, in dem es einen Schreibwarenladen mit Poststation und ein Orthopädie-Fachgeschäft gab. Ich habe noch 30 Minuten Zeit. Da der nächste Bus aber erst in einer Stunde gefahren wäre, stehe ich jetzt unschlüssig hier rum. Mein Rock zwickt.

Im Kopf gehe ich noch einmal durch, was ich über das Unternehmen gelesen habe. Falls sie mich im Gespräch fragen, warum ich ausgerechnet bei ihnen arbeiten möchte, muss ich ja irgendeine gute Antwort parat haben. Bis jetzt fällt mir nur ein: Weil ich Miete zahlen muss.

Ich laufe ein bisschen die Straße hoch und runter. Rechts und links die Niederlassungen kleiner Firmen, deren Namen noch nie jemand gehört hat. Hier gibt es nicht einmal einen Kiosk. Eigentlich möchte ich jetzt gern wieder nach Hause fahren.

Noch 15 Minuten. Ich kann ja schon einmal in die richtige Richtung laufen. Dann aber erst 5 Minuten vorm Termin reingehen. Alles andere wirkt so übermotiviert. In Sichtweite auf das Gebäude bleibe ich stehen und scrolle unschlüssig durch meinen Twitterstream. Der Dutt im Nacken nervt mich kolossal. Ich habe mich heute Morgen als Businesslady verkleidet. Dabei haben wir nicht einmal Karneval. Vielleicht schaue ich noch einmal kurz auf die Einladung, damit ich den Namen richtig hinbekomme. Fellberg, denke ich, Fellberg. Bernd Fellberg. Fellberg, Fellberg, Fellberg. Sollte klappen.

Zwei große Glastüren, die automatisch auseinander fahren, als ich vor ihnen stehe. Ich schleiche rein. Am Empfang sitzt eine blond bezopfte Dame und strahlt mich an. Ich sage, dass ich ein Vorstellungsgespräch bei Herrn Fellberg habe. „Ja, ich sage ihm Bescheid!“ Sie ist so freudig erregt über diese Tatsache, dass ich Angst habe, dass sie mir gleich applaudiert. Ich soll mich neben den Empfang in eine loungige Sitzecke setzen. Loungige Sitzecken haben sie ja jetzt alle. An der Wand hängen Produktfotos und auf der Korkwand pinnt ein Gesuch für’s nächste Kickerturnier. Sie suchen noch Mitspieler. „Gerne auch Frauen!“. Aha. Kickertische haben sie ja jetzt auch alle.

„Duhu, Bernie!“ flötet der blonde Zopf am Empfang. „Dein Termin ist da… Ok!“ Sie legt auf, dreht sich zu mir und sagt: „Es geht gleich los. Er kommt Sie abholen.” Ich erinnere mich an meine Knieoperation vor fünf Jahren, als auch irgendjemand kam, um mich abzuholen. Zu dem Zeitpunkt hatte ich aber schon zwei „Mir ist heute alles scheißegal“-Tabletten drin. Das wäre heute nicht so gut gekommen. Bernie will mich ja auch hoffentlich nicht aufschneiden.

Der Fahrstuhl öffnet sich und ein Mann im dunkelblauen Anzug läuft auf mich zu. Bernie trägt hippe Hipstersportschuhe zum Anzug. Man muss ja immer auch zeigen, wie lässig man eigentlich ist. Am Wochenende trägt der Bernie bestimmt sogar T-Shirt. Wahnsinn.

„Hallo Frau LaGrande! Herzlich willkommen bei Unternehmen XY! Haben Sie gut hergefunden?“ „Ja, der Busfahrer wusste, wo er hinmuss“, will ich antworten. Stattdessen lächelt mein Businessfrau-Kostüm und sagt brav: „Ja, danke.“
Bernie und ich besichtigen jetzt das Unternehmen. In der Cafeteria gibt es einen hochwertigen Kaffeevollautomaten, an dem jeder das nehmen kann, was er möchte. Ganz kostenlos natürlich. Ist ja auch wichtig, dass man die Mitarbeiter ein bisschen verwöhnt. Manchmal passiert es sogar, dass Menschen etwas länger in der Cafeteria bleiben und sich austauschen. So ganz von Kollege zu Kollege, mal in einer anderen Umgebung als dem Büro. Toll, toll, toll. Da ich ungern mit anderen Menschen rede, werde ich vermutlich nie in die Cafeteria gehen, aber für die anderen ist das sicher schön.

Jetzt sitzen wir an einem großen Tisch in einem der Konferenzzimmer. Ich trinke Wasser. Ohne Kohlensäure. Damit ich Bernie und seinem Chef nicht vor Freude ins Gesicht rülpse. Hab ich vorher online gelesen, dass das besser ist. Der Chef ist gerade eben zum Gespräch dazu gekommen und sieht aus wie ein Chef. Ohne Sportschuhe. Er sieht ein bisschen aus wie die Idioten, die mich im Zug immer von den bahn.comfort-Plätzen jagen wollen, weil sie denken, ich dürfte da nicht sitzen. Jetzt beginnt die Schlacht. Zwei gegen eine. Dass das ungerecht ist, darüber hat vorher niemand nachgedacht.

Der Chef redet von sich und seinem Unternehmen. Das hat er so gelernt. Erstmal selbst reden, damit die Bewerberin etwas locker wird. Ich starre ihn an und tue so, als würde ich nicht nur alles furchtbar spannend finden, sondern mir auch alles merken. Auf meiner Stirn steht: „Was für ein tolles Unternehmen, und mittags gibt’s sogar was Vegetarisches, Wahnsinn.“ Dahinter überlegt mein Kopf, wann ich wohl zuhause bin, um „The Good Wife“ weiter zu schauen.
Danach bin ich dran. Ich soll jetzt mal chronologisch erzählen, was ich in meinem Leben so gemacht habe. Ich beginne bei „als ich dreieinhalb war, habe ich begonnen, selbst erdachte Radiosendungen auf Kassette aufzuzeichnen. Auf Platz eins der Charts war sehr lange ‚Ein Schneider fing ne Maus‘“. Überraschenderweise wollen Bernie und der Chef aber ganz andere Dinge hören. Ich solle doch bei meinem Abitur anfangen. So wie es im Lebenslauf stehe. Warum ich jetzt alles, was ich bisher gemacht habe, noch einmal aufzählen soll, obwohl es in genau dem Lebenslauf steht, der vor den beiden liegt, weiß vermutlich niemand. Also fange ich an, meinen auswendig gelernten Lebenslauf herunterzubeten. Ich komme mir ein bisschen vor wie in der Schule, als wir Gedichte aufsagen mussten.
Als ich fertig bin, stellt Bernie mir die offensichtlich wichtigste Frage zu meinem bisherigen Leben. „Warum haben Sie in Mathematik nur einen Punkt auf dem Abizeugnis?“ Ich starre ihn an. Dann überlege ich kurz und antworte, dass ich vermutlich zu der Zeit besseres zu tun hatte, mich aber nicht erinnern könne, weil ich mit 19 lieber gefeiert habe.

Der Chef blättert gelangweilt in 20 ausgedruckten Seiten. Auf jeder Seite stehen etwa zehn meiner Tweets. ‚Die haben mein Internet ausgedruckt‘, denke ich und überlege, ob hier wohl auch noch gefaxt wird. Wie bei alten Leuten. „Sie sind ja auch viel im Internet unterwegs, oder?“ sagt er. Ja, genau, da bin ich unterwegs. Mal mit dem Fahrrad und mal mit dem Bus. Und gleich kommt Günther Öttinger rein und erzählt, dass er mit seinem iPhone sogar Termine machen kann. Wir reden ein bisschen über dieses Internet und wie sehr ja heute schon Kinder in Gefahr sind, wenn sie auch nur die Finger auf eine Tastatur legen.

Bernie will uns dann aber doch wieder auf eine Schiene bringen. Er hat diese ganzen Fortbildungen ja nicht umsonst gemacht, jetzt will er das Gelernte auch mal an der Bewerberin anwenden. Also ruckelt er einmal ausdrucksstark nach vorne und zurück, legt eine Hand ans Kinn und sagt: „Frau LaGrande! Jetzt mal was anderes! Wie sieht es bei Ihnen zuhause aus – wenn Sie mir jetzt die Tür aufmachen würden, was würde ich dann sehen?“ ‚Ich würde dir nicht die Tür aufmachen‘, denke ich. ‚Weil ich mich ja immer tot stelle, wenn es klingelt.‘ „Einen Flur“, sage ich. „Ja, ja, das ist schön, aber gehen wir mal weiter – zum Beispiel das Wohnzimmer. Wie sieht das bei Ihnen aus?“ „Ähm… ich habe eine orange-farbene Couch. An der Wand hängen Fotos, die ich auf Reisen gemacht habe. Und es gibt einen großen Fernseher. Für Serien.“
„Ah! Serien!“ ruft Bernie entzückt dazwischen. „Welche schauen Sie denn so?“
„Breaking Bad…“
„Kenne ich nicht!“ sagt der Chef.
„Game of Thrones…“
„Kenne ich nicht!“ sagt der Chef.
„Doch!“ ruft Bernie.
„Nein, ICH kenne es nicht!“ sagt der Chef.

Ich lächele einfach nur.
Der Chef und Bernie wirken kurz verunsichert. Dann will der Chef auch mal was fragen: „Wenn Sie ein Tier wären, Frau LaGrande, welches Tier wären Sie dann?“ „Das habe ich meinen Freund auch letztens gefragt!“ rufe ich erfreut. „Also, welches Tier ich wäre.“ „Und, was hat er geantwortet?“ fragt der Chef gespannt. „Ein Dachs.“ Bernie und der Chef schauen sich an. „Ein Dachs!“ wiederhole ich. „Kompakt und unauffällig.“

„Äh, gut, ok“, stottert Bernie. „Kommen wir jetzt zu den Klassikern: Was sind Ihre Schwächen?“ Nach den Stärken fragt er gar nicht erst. Er weiß sicher, warum. Ehrlichkeit währt am längsten, denke ich und erzähle, dass ich wirklich überhaupt nicht zuhören kann. Nie. Wenn Menschen mir Dinge erzählen, bin ich geistig nach zwei Minuten raus aus dem Gespräch. Dann denkt mein Kopf an was anderes oder vielleicht war da draußen auch ein Vögelchen. Weil ich im Bewerbungsratgeber aber gelesen habe, dass man die Schwächen immer so drehen soll, dass sie am Ende doch positiv sind, sage ich: „Das Schöne ist aber: Ich bin immer wieder auf’s Neue von Dingen erfreut, die Menschen mir erzählen. Weil ich selbst glaube, ich wüsste sie noch nicht!“ Ich strahle. Das ist doch was Gutes.

Kurze Zeit später verabschieden wir uns. Der Chef sagt, ich müsste ja verstehen, da kommen auch noch andere und dann melden Sie sich. ‚Mist‘, denke ich, ‚dann muss ich mir wohl doch ein Faxgerät kaufen.‘ Bernie begleitet mich noch nach unten. Er erzählt, dass er am Wochenende an einem Tischtennis-Turnier teilnehmen wird. Persönlichkeitsebene mit der Bewerberin und so. Ich antworte: „Ich nicht.“ Dann lässt er mich allein.

Als die blond bezopfte Dame am Empfang kurz nicht guckt, schleiche ich mich nochmal in die Cafeteria und stopfe mir die Jackentaschen mit kleinen Studentenfutterpackungen voll. Dann gehe ich zur Haltestelle. Dort löse ich erst einmal meinen Dutt, wuschele durch die Haare und beginne Nüsschen zu essen. Der Bus wird mich in 45 Minuten hier abholen.

(Normalerweise sage ich ja wenig zu neuen Texten, hier sei aber nochmal explizit darauf hingewiesen, dass das Erzähler-Ich nicht dem Autorinnen-Ich gleicht. Einige dieser Situationen habe ich möglicherweise so erlebt, andere vielleicht erzählt bekommen, wieder andere auf die Spitze getrieben. Sämtliche Ähnlichkeiten mit anderen Bernies und Unternehmen sind zufällig und nicht beabsichtigt.)

2014-10-17

KURZFILMWETTBEWERB – WIRKLICHE FREUND_INNEN


Ich habe die Ehre, bei einem tollen Projekt in der Jury zu sitzen: dem Kurzfilmwettbewerb zum Thema "Wirkliche Freunde. Wirkliche Freundinnen.". Der Wettbewerb richtet sich an Schülerinnen und Schüler aus Niedersachsen und sagt ganz deutlich: Für Inklusion. Gegen Ausgrenzung. Da bin ich natürlich sofort am Start!

Worum geht's?
Schirmherr Samuel Koch und der Veranstalter "Ganz schön anders" rufen alle Schülerinnen und Schüler dazu auf, bis zum 15. Februar 2015 einen Kurzfilm (max 5 Minuten) einzureichen, der sich damit beschäftigt, wie Freundschaft zwischen Menschen aussehen kann. Das können Menschen mit und ohne Behinderung sein, Große, Kleine, Menschen unterschiedlicher Herkunft – alles, was euch so einfällt. Die Technik zum Filmen könnt ihr kostenlos bei verschiedenen Medienzentren in Niedersachsen ausleihen. Alle Infos und Regeln gibt es auf der Seite zum Wettbewerb

Im Vorfeld könnt ihr sogar an Workshops mit Profis teilnehmen, die euch zeigen, wie man ein gutes Drehbuch schreibt oder die Kamera richtig hält. Wer noch Ideen oder Inspiration braucht, schaut sich am besten die Preisträger_innen aus dem letzten Jahr an.

Was ich besonders gut finde: Es gibt auch extra Workshops für Lehrerinnen und Lehrer.

Im März 2015 findet dann in Hannover eine große Gala mit Siegerehrung statt – ich freue mich schon auf die ganzen Filme!

Rapper Graf Fifi fasst den Aufruf zum Wettbewerb noch einmal für euch zusammen:

2014-10-15

KANADA-TRIP – TEIL 4: DIE ROCKIES – BANFF

Das beeindruckende Columbia Icefield zwischen Jasper und Banff.
Unsere Kanada-Reise ist jetzt schon wieder sieben Wochen her und ich fühle mich trotzdem noch so, als wären wir vor einigen Tagen erst wieder gelandet. Ich bin ziemlich entspannt, obwohl ich relativ viel unterwegs bin und rufe in meinem Kopf einfach wieder das Bild der Rockies auf, wenn ich mich gestresst fühle. Mal sehen, wie lange das noch anhalten kann.
Apropos Rockies! Jasper war nicht unsere einzige Station dort. Nach zwei Tagen fuhren wir weiter nach Banff. Dort hatten wir, Gott sei Dank, bereits ein Hostel gebucht. Banff ist wirklich nicht sehr groß und touristenmäßig vergleichbar mit Jasper. Obwohl es in Banff deutlich mehr Surfer-Hipster-Menschen gab. Und den leckersten Waffelladen der Welt (ich hatte stundenlang Bauchschmerzen, weil ich so viel probieren musste). Als wir dort ankamen, hatte ich das Gefühl, ich sei so vollgestopft mit Eindrücken, dass ich kaum noch fotografiert habe. Wir sind einfach herumgelaufen, haben Kaffee getrunken und Dinge angeschaut. Abends haben wir mit netten Leuten aus dem Hostel das örtliche Bier probiert und um den Touristatus nicht ganz zu verlieren, haben wir uns wenigstens von außen das Fairmont Banff Springs angeschaut. Anscheinend ein super bekanntes Hotel, das einst das größte Hotel der Welt war.
Außerdem haben wir uns die Cave and Basin National Historic Site angeschaut, in der drei weiße Männer komplett dafür abgefeiert werden, dass sie 1883 beim Gold und Silber schürfen eine heiße Quelle wieder entdeckten, die die Ureinwohner natürlich schon lange vorher kannten. Warmes Schwefelwasser, das alle möglichen Krankheiten heilt. Angeblich kann es sogar verlorene Gliedmaßen wachsen lassen. Ich hätte mich gern ein paar Zentimeter größer gebadet, aber man durfte leider nicht ins Wasser.
Das ist übrigens eine der wenigen Sachen, die mich im Urlaub sehr genervt haben. Egal, wo man hinkommt, werden die (Wieder-)Entdeckungen der Weißen gefeiert wie nix und die Ureinwohner als niedliche Traditionsbewahrer präsentiert.  

Die ganze Atmosphäre in Banff hatte für mich etwas von einer amerikanischen Kleinstadt-Serie. Irgendwie alles hübsch, Berge im Hintergrund, im Ort kennen sich alle und drumherum ist einfach gar nichts. Die meisten Bilder habe ich eher auf der Fahrt zwischen Jasper und Banff gemacht, da wir dort unter anderem am Columbia Icefield vorbei gekommen sind. Und vermutlich hat mich in all den Wochen nichts mehr beeindruckt.

Falls ihr übrigens auch mal eine ähnliche Tour machen wollt, kann ich euch den Reiseführer "Kanada. Der Westen | Alaska" von Dumont nur wärmstens empfehlen.

Am Rande des Highways laufen diese süßen Dinger rum!
Man musste nur seine Hand hinhalten,
schon kamen sie an!!
Was für ein Ausblick.
Hier wandern wir hoch zum Columbia Icefield.
Überall stehen in gewissen Abständen Schilder, die anzeigen,
wo das Eis wann gewesen ist. In den letzten 50 Jahren ist es wahnsinnig
schnell geschmolzen. Unfassbar und auch sehr erschreckend.


Manchmal steht man wirklich da und denkt: "Unfassbar.
So schön können Dinge doch gar nicht sein!"



Das berühmte Fairmont Banff Springs.

2014-10-07

SERIOUSLY: STOP THAT SHIT.

Es gibt Tage, an denen bin ich eh schon angefressen, aus Gründen. Vielleicht, weil meine Strumpfhose ein Loch hat, weil im Lieblingskaffeeladen die Sojamilch alle ist oder einfach, weil ich Bock drauf habe, schlechte Laune zu bekommen. Und dann passieren Dinge. Und alles wird noch schlimmer. Eben gerade ist mir folgender Tweet in die Timeline gerutscht:


Ich möchte den ausdrucken und an alle Geschäfte in Hannover und überhaupt Deutschland verteilen. Eigentlich wollte ich ja nicht so sein, als ich aus Kanada zurückkam, aber jetzt muss ich es leider doch tun: "Woanders ist eh alles besser, mimimi!" Und zumindest in Sachen Service stimmt das auch. Es gibt so selten einen Laden, in den ich gerne gehe, mich gerne beraten lasse und in dem ich gerne Geld ausgebe, dass ich die, auf die das zutrifft, an einer Hand abzählen kann. Beispiel: Der Buchladen "Litera" in Hannover. Dort ist alles toll. Die Menschen, die dort arbeiten, die Auswahl, die Atmosphäre, alles. (Geht da bitte hin.)

In vielen anderen Läden fühle ich mich immer so als würde ich stören: "Entschuldigung, ich wollte eigentlich was kaufen, aber, na gut, wenn's jetzt gerade stört, sorry." In der Bankfiliale muss ich von Glück sprechen, wenn die Berater_innen kurz Zeit für mich haben. In der Drogerie erhalte ich ein pflaumiges "Da hinten rechts!", wenn ich frage, wo die Slipeinlagen stehen. Das nervt mich. Menschen müssen ja nicht ehrfürchtig und super höflich antworten, aber mit ein bisschen Nettigkeit. Ist das zu viel verlangt?

Warum ich gerade heute so angefressen bin? Eben bekam ich zum dritten Mal in diesen sechs Monaten einen Anruf von meinem Mobilfunkanbieter, in dem mir eine Frau ein Angebot machte: Sie hätte tolle Neuigkeiten. Ich könnte jetzt eine Augen- und Zahnvorsorge bei ihrem Partnerunternehmen abschließen. Ernsthaft?


Mein Telefonanbieter möchte, dass ich für Augen und Zähne vorsorge? Demnächst meldet sich mein Stromversorger und fragt, ob ich die Antibabypille im Abo bekommen will. Als ich ihr erklärt, dass ich daran kein Interesse hätte, frug sie ernsthaft: "Wie haben Sie denn bis jetzt vorgesorgt, um sich in diesen Fällen vor hohen Kosten zu schützen?"


Ich hab mich sehr zusammen gerissen und ihr erklärt, dass sie das vielleicht gar nichts angeht und ich jetzt auflege. Inzwischen habe ich das Häkchen aus dem Online-Profil genommen, das erlaubt, dass die mich noch anrufen. Aber man weiß ja nie. Der Mann erhielt vor einiger Zeit einen Anruf, in dem eine Frau fragte, ob es noch aktuell sei, dass sie ihn nicht anrufen dürfen. Und ja, das sagt eigentlich alles.

Ich fahre jetzt erstmal wieder runter.