2016-05-23

INTERVIEW: KLEINE BOX – GROSSE GESTE

In verschiedenen deutschen Städten gibt es inzwischen das Projekt HAPPY BOX. Dabei geht es um Boxen und Schuhkartons, die Menschen für andere befüllen und verschenken. Ich bin in Hannover über Facebook aufmerksam geworden und habe schon vor einem Jahr die erste Box gepackt und abgegeben. Nach der ersten, sehr erfolgreichen, Runde sammelt das Team wieder neue Boxen, u.a. in Hannover, Gütersloh und Mannheim. Falls ihr also Lust habt, das ehrenamtliche Team mit einer tollen Box zu unterstützen, wäre jetzt genau der richtige Zeitpunkt. Damit ihr wisst, was bei HAPPY BOX eigentlich genau passiert, habe ich Lena Bothmann, der Projektverantwortlichen aus Hannover, ein paar Fragen gestellt.


Lena Bothmann aus Hannover
Lena, Wie seid ihr auf die Idee für die HAPPY BOXen gekommen?

Der Anfang unseres Projektes war das Ende eines Auslandsjahres. Ein Teammitglied von uns hat für ein Jahr in Kenia gelebt. Menschen, die ihn nicht kannten, haben ihn mit Offenheit begrüßt und waren daran interessiert, ihn kennenzulernen. Diese Art des Willkommen-Heißens wollten wir gerne nach Deutschland holen. Wir überlegten uns eine Möglichkeit, um Menschen, die bei uns Schutz suchen, ohne großen Aufwand zu begrüßen. HAPPY BOX ist genau das – ein erster Schritt, um zu sagen: "Hey. Schön, dass Du da bist!" 

Was packe ich am besten in so eine Box rein?

Am Ende kommt es darauf an, für wen du dein Paket packen möchtest – Mann, Frau oder Kind? Und dann ist deiner Kreativität keine Grenze mehr gesetzt. Von Bilderwörterbuch bis einer Tasse mit Tee hast Du viele Möglichkeiten für dein ganz persönliches Willkommenspaket. Schön sind auch immer ein paar persönliche Grüße, wie eine Karte, ein Foto oder eine Einladung, um gemeinsam Zeit zu verbringen. Ganz wichtig ist: Nicht der materielle Wert einer Box zählt, sondern das positive Zeichen, welches du persönlich mit deiner Box setzt!

Wo gebe ich meine Box ab?

Wir haben mehrere Sammelstellen in Hannover und Hildesheim, an denen du deine gepackte Box abgegeben kannst. In Hannover sind das unter anderem die Fanshops von Hannover 96. Auf unserer Website findest du eine Karte mit unseren Sammelstellen.

Kann ich auch mitmachen, wenn ich nicht in Hannover wohne?

Auf jeden Fall! Gerne kannst du eine Box per Post an uns schicken. Die Adresse steht auf unserer Website. Aber auch in anderen Städten gibt es HAPPY BOX Teams. In Gütersloh werden zum Beispiel gerade ebenfalls Boxen gesammelt. Und auch in Städten wie Mannheim, Worms oder Bamberg gab es bereits Sammelaktionen. Und wenn Du selber Lust hast, Dich zu engagieren, dann kannst Du das Projekt sogar in Deine Stadt holen.

Wieso ist dir persönlich Engagement so wichtig?

Jeden Tag kommen Menschen nach Deutschland, die hier einfach nur Ruhe und Schutz suchen. Nach ihrem meist langen und anstrengenden Weg nach Deutschland werden sie nicht von jedem freundlich begrüßt. Immer wieder gibt es Menschen, die ihnen mit Hass und ausländerfeindlichen Parolen entgegentreten. Ich finde es wichtig, ein Zeichen dagegen zu setzen! Und dabei ist jedes Engagement wichtig – egal ob klein oder groß. Ich freue mich, wenn ich geflüchteten Menschen hier willkommen heißen und ihnen somit eine kleine Freude machen kann. Nach ihren meist schlimmen Erfahrungen, sollen sie sich hier von Anfang an möglichst wohl fühlen. 

Wenn jemand keine Zeit hat, eine Box zu packen und abzugeben, kann man euch auch anders unterstützen?

Klar – über die Plattform Betterplace bieten wir beispielsweise an, stellvertretend eine HAPPY BOX für eine Spende zu packen. Wir übernehmen also das Packen für diejenigen, die keine Zeit haben, aber dennoch helfen möchten. Man kann uns auch über ein Spendenformular auf unserer Website durch eine einmalige oder regelmäßige Geldspende unterstützen. Diese Gelder werden benötigt, um das Projekt organisieren zu können, da wir eine Non-Profit-Organisation sind und uns alle ehrenamtlich engagieren.

2016-05-18

ZOE HAGEN: TAGE MIT LEUCHTKÄFERN

"Später am Abend saß Amira auf dem Sofa, ihr Kopf ruhte auf der grünen Lehne, und sie rauchte grauen Rauch gegen die weiße Decke. Ich saß auf einem kleinen Hocker und beobachtete die Schwaden, wie sie emporstiegen und sich langsam auflösten. Amira inhalierte tief ein und atmete dann aus, dabei schloss sie die Augen ihr Gesicht war mit Glitzer verschmiert, ihre Haare umhüllten ihren Hals gleich einem samtschwarzen Schal."


Zoe Hagen ist Slam Poetin aus Berlin und hat mit "Tage mit Leuchtkäfern" ihr Romandebüt bei Ullstein veröffentlicht. In dem Tagebuchroman schreibt die junge Gandhi kleine Briefe an Gott. Dabei ist sie nicht einmal gläubig, sondern brauchte einfach einen Adressaten für ihre täglichen Gedanken. Gandhi ist einfühlsam, gedankenverloren und vor allem anfangs einsam. Den täglichen Kampf mit ihrer Mutter sieht sie für sich immer verloren und sie fühlt sich gefangen in einer kleinen, von Regeln bestimmten Welt. Bis sie Fred kennenlernt – der nimmt sie mit zu seinen Freund_innen, sie nennen sich "Der Club der verhinderten Selbstmörder". Jede_r von ihnen trägt ein Paket mit sich und gerade deshalb verstehen sie sich sehr gut und wissen miteinander umzugehen. Gandhi fühlt sich das erste Mal verstanden und gut, ja fast sicher, aufgehoben. Doch auch vor dem Club machen die Krankheiten, Gedanken und Probleme der Protagonist_innen nicht halt. 

Zoe Hagen beschreibt in ihrem Debüt die Gedankenstränge, Sorgen und Schwierigkeiten eines Teenagers verständnisvoll und detailliert. Das mag daran liegen, dass sie selbst erst siebzehn Jahre alt war, als sie den Roman schrieb. Oder auch daran, dass sie einfach sehr emphatisch ist und gleichzeitig in der Lage, genau diese Gedanken spannend auf Papier zu bringen. Es gibt nichts, was ich mehr hasse, als Autor_innen über vierzig, die meinen, sie wüssten, wie Teenager sich fühlen – in den meisten Fällen geht nämlich genau das daneben. Zoe Hagen ist mittendrin, sie beschreibt ein Lebensgefühl, das sie selbst noch am besten kennt.
Foto: Marvin Ruppert
Das Buch ist nicht fröhlich. Es ist trotzdem schön. Gandhi hat mit einer Essstörung zu kämpfen, hinzu kommen ihre Probleme mit der Mutter und ihrem Umfeld. Mit dem Eintritt in den "Club der verhinderten Selbstmörder" findet sie zwar neue Verbündete, aber auch viele weitere Ebenen von Problemen und Beziehungsstrukturen. All das weiß Zoe Hagen in Worte zu fassen.
Auch klar: Ich bin nicht die Zielgruppe des Buches. Das schreit mir die Covergestaltung förmlich ins Gesicht. Macht aber nichts – ich hab's trotzdem sehr gerne gelesen. Zu meinen Teenie-Zeiten hätte ich dieses Buch sofort gekauft und innerhalb von einem Tag verschlungen.

2014 ist Zoe Hagen Vize-Meisterin der deutschsprachigen U20-Poetry-Slam-Meisterschaft geworden und nach der Lektüre weiß ich nicht, was sie besser kann – Kurz- oder Langform. Ich einige mich mit mir selbst darauf, dass sie in beiden Bereichen sehr gut ist. Und das muss reichen, um euch dieses Buch sehr ans Herz zu legen. Vor allem, wenn ihr selbst noch jung seid oder das nächste Geburtstagsgeschenk sucht.

Hier kann man das Buch online kaufen.