2013-05-28

TIPPS, DIE MAN(N) BESSER UNTERLASSEN SOLLTE...

Anne Schüssler hat mir heute einen, sagen wir, relativ unreflektierten Artikel in die Timeline gepostet, auf den ich gerne antworten würde. Der Beitrag ist hier nachzulesen und beschäftigt sich damit, Frauen Tipps zu geben, wie sie mehr Jobangebote über soziale Netzwerke bekommen können. Dieser ganze Artikel wäre vielleicht nur halb so schlimm gewesen, wenn er sich einfach an Menschen jeden Geschlechts gewendet hätte. Aber dieses von oben-herab-Getue eines vermeintlichen Experten (Mann), der so nett ist, uns dummen Frauen mal ein paar Tipps zu geben, macht mich wahnsinnig!

Edit: Kiki und Anne haben den Artikel ebenfalls auseinander genommen!

Sehr geehrter Herr Bieber,

was Sie ziemlich gut können und das merkt man gleich, ist alle über einen Kamm zu scheren. Aber ich nehme mal an, sie hatten wenig Platz und irgendwie muss man seine Argumente ja auch unterbringen, also gehe ich mal davon aus, sie sprechen von der Mehrzahl der Frauen. Diese unterscheiden sich also in fünf Punkten von der Online-Präsentation der Männer. Unabhängig von Alter, Beruf, Einstellung und allen anderem, was einen Menschen so ausmachen kann, unterscheiden Frauen sich online also von Männern. Aha. 

Gehen wir Ihre Punkte doch mal durch.
1. Das Foto. Na, da muss ich aber gleich einhaken. Auf ihrem eigenen Foto sind Sie schlecht rasiert. Ich finde, das ist, wie Sie so schön sagen "wenig seriös". Sie raten Frauen, überhaupt erstmal ein Bild einzustellen und wenn, dann bitte kein Urlaubsfoto. Ich habe in meinem ganzen Netzwerk (und das ist größer als Sie denken, weil Sie ja inzwischen wissen, dass ich eine Frau bin und das vielleicht zu klein einschätzen) keine einzige Frau, die ein Urlaubsbild in ihren beruflichen Auftritten im Netz verwendet (Xing etc.). Aber möglicherweise haben Sie da anderes gesehen. Ich bemerke auch ständig Bilder, die ich für nicht angemessen halte. Allerdings von Frauen wie Männern gleichermaßen. Überraschung.

2. Hard-Skills vs. Soft-Skills. Offenbar gehen Sie davon aus, dass die Personaler-Szene grundsätzlich männlich geprägt ist. Ich sage Ihnen was: Das ist Quatsch. Etwa 60 Prozent aller PersonalerInnen sind Frauen. Warum das so ist und ob das gut ist, ist eine andere Diskussion. Nun unterstellen Sie den PersonalerInnen, dass diese hauptsächlich nach Hard Skills suchen. Gibt es dazu konkrete Nachweise oder haben Sie sich das zusammengereimt? Selbst wenn dem tatsächlich so sein sollte, traue ich den PersonalerInnen beim Blick auf die Berufsausbildung und entsprechende Position durchaus zu, dass Sie wissen, welche Fähigkeiten Sie erwarten können. Auch, wenn es dort nicht konkret steht. 

3. Interessen. Ach. Genau. Tanzen und Yoga ist weiblich und Dinge wie Politik und Wirtschaft (oder was?) sind männlich. Und deshalb ist man dann gleich unprofessionell, wenn man zur Entspannung Yoga macht. Die Welt kann so schön einfach sein! Ich verrate Ihnen was: Ich hasse Yoga. Ich tanze aber gern. Ich interessiere mich für Politik und Kriminologie. Ich hasse kochen und mache regelmäßig Kraftsport. Was sagt das jetzt über mich aus? Bin ich professionell oder nicht? Hat das überhaupt irgendetwas mit meinem Job zu tun? Nein. Selbst wenn ein Mensch gerne Yoga macht, strickt, backt und dekoriert, heißt das doch nicht, dass er oder sie im Job unprofessionell wäre, oder? Dann schreiben also all diese Menschen jetzt vermeintlich männliche Interessen in ihren Lebenslauf, nur um diesen zu frisieren. Was haben wir davon? Unehrliche, frustrierte BewerberInnen, die ganz genau wissen, dass sie sich verstellen müssen, um einen Job bei Menschen wie Ihnen zu bekommen. Toll.

4. Kontakte. Hab ich. Obwohl ich eine Frau bin. Abgehakt.

5. Der Tipp mit dem ausführlichen Lebenslauf und genauen Daten ist gut. Auch für Männer. Wer das nicht kann, sollte sich einfach ein bisschen Hilfe holen und mit dieser den Lebenslauf gemeinsam ausfüllen. Aber ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass ausschließlich Frauen hallodri-mäßig an ihre Lebensläufe rangehen, keine konkreten Daten reinschreiben und noch ein paar Blümchen drauf malen. Bitte, ey. Das kann doch nicht ernst gemeint sein.

Mit diesen Tipps machen Sie jede politische Diskussion um Quote, Einstellungen und Führungspositionen lächerlich. Und das ist auch ziemlich einfach, wenn man ein Mann und bereits in einer privilegierten Position ist. Wenn es so leicht wäre, dass Frauen einfach nur ein paar vermeintlich seriösere Angaben und ein schönes Foto in den Lebenslauf packen sollten, dann frage ich mich, wieso sich Bund und Gesellschaft überhaupt noch mit Fragen, wie Frauen besser Karriere machen können, beschäftigen.
Und: Der Artikel offenbart ein ziemlich trauriges Bild von PersonalerInnen. Bei der Einstellung geht es also um maschinenhafte Robotermenschen, die am besten viele Hard Skills drauf haben, wissen, wie man sich auf einem Foto präsentiert und sich Kontakte danach aussuchen, wer sie weiterbringt. Da kriegt man ja richtig Lust auf die Karriere...


Nachtrag: Die Antwort ist sehr kurz gehalten. Aus den einzelnen Punkten ergeben sich viele weitere Punkte, über die man diskutieren und nachdenken kann, z.B. Kinderbetreuung, Bewerbungsgespräche, anonyme Bewerbungen usw. Ich wollte den Post nicht ausarten lassen und habe deshalb darauf verzichtet, noch mehr zu schreiben. Aber vielleicht packt mich ja demnächst die Lust, mich näher damit zu beschäftigen. Anregungen könnt ihr gerne in den Kommentaren hinterlassen (Beleidigungen und dumme Sprüche werden, wie immer, nicht freigeschaltet; ist ja mein Spielplatz hier).

Kommentare:

  1. DANKE DANKE DANKE
    Was für ein Idiot, der Typ.

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  2. Kritisieren sollte man m.E. wirklich nur eines, naemlich dass Herr Bieber tatsaechlich zu meinen scheint, einmal allen Frauen einen Rat geben zu muessen; einzig und allein weil diese WENIGER Jobangebote auf ONLINE-Netzwerken bekommen. Dass Sie bessere Netzwerker sind wird dabei vollkommen ueberlesen. Und die vermeintlich gut gemeinten Ratschlaege hageln auf die Leser_Innnen nieder und erzeugen nichts als Gegenargumente und Selbstverteidigung. Das ist in diesem Fall jedoch voellig zwecklos (und unnoetig!). Denn Herr Bieber ist von sich und seinen Argumenten, die er mit all seinen Erfolgen und Erfahrungen belegen wuerde, ueberzeugt.
    Und genau das sollte eine jede Frau auch tun. Einfach von sich ueberzeugt sein. Erst recht, wenn sie mit ihrem Profil den von ihr gewuenschten Effekt erzielt hat.

    Andererseits ist manch andere Frau vielleicht tatsaechlich dankbar fuer solche Tipps. Es koennte ja sein, dass Herr Bieber seine Tipps doch auf echten Erfahrungen fusst und sie fuer jemanden hilfreich sind, der sich ausschliesslich an den Vorstellungen anderer orientiert.

    Gefiltert werden sollten Ratschlaege IMMER! Und seine/ihre eigenen Erfahrungen, Vorbilder, Massstaebe und Vorstellungen sollten immer einfliessen.

    Was mir viel mehr aufstoesst: "Außerdem ist es ratsam wenn Frauen sich untereinander verknüpfen. Die gleiche Maxime wie Männer helfen Männern nach oben gilt auch für Frauen.

    Koennen Maenner und Frauen in Herrn Biebers Welt eigentlich auch zusammenarbeiten und netzwerken?

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    1. "Andererseits ist manch andere Frau vielleicht tatsaechlich dankbar fuer solche Tipps. Es koennte ja sein, dass Herr Bieber seine Tipps doch auf echten Erfahrungen fusst und sie fuer jemanden hilfreich sind, der sich ausschliesslich an den Vorstellungen anderer orientiert." --> Sehe ich eigentlich fast genauso, nur dass er es ausschließlich auf Frauen münzt, stört mich sehr. Die Tipps sind für Männer genauso wichtig... auch sie machen möglicherweise unseriöse Angaben oder stellen ein schlechtes Bild ein.

      Und danke für deinen letzten Satz: GANZ GENAU!

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  3. Komisch. Ich war noch nie dankbar für Tipps von jemandem, der anmaßend und peinlich ist. Man muss es nochmal zum Mitschreiben festhalten: Der Typ hat explizit Frauen ermahnt, in professionellen Profilen besser mal schön die Wahrheit zu sagen, keine Urlaubsbilder einzustellen und keine Dumdideldum-Hobbys aufzulisten. Außerdem hält er es für nötig, Frauen zu erklären, wie netzwerken funktioniert. Ja, geht's noch? Mir stockte beim Lesen des Artikels der Atem und nein, ich bin NICHT dankbar.

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  4. Jacque SohnsMai 28, 2013

    Phantastisch!

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  5. Mein Gott - wie hättet ihr euch aufgeregt, wenn der Artikel sich nur an Männer gerichtet hätte. :D

    Jetzt richtet er sich schon explizit an Frauen und siehe da: ist auch nicht recht! Sexistische Kackscheisse! Männer die Frauen Tipps geben! Skandal!

    Kein Mann hat von irgendeiner Sache mehr Ahnung als eine Frau!

    Deutsche Emanzen. Ohne. Worte.

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  6. Ich bin gerade über Herrn Bieber und seine geistigen Ergüsse gestolpert und folge nun den Reaktionen. Ich freue mich über diesen Deinen Antwortartikel hier und kann auch nur Danke sagen! Und das als Mann!

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