2013-06-13

DIE REAKTIONEN AUF WAAGNIS UND (M)EIN STATEMENT

(In diesem Blogeintrag reagiere ich nur aus meiner Sicht auf all die Reaktionen zu #waagnis. Bitte seid euch beim Lesen bewusst, dass ich möglicherweise nicht die Meinung aller, die #waagnis gestartet haben, vertrete. Danke.)

Ich war blauäugig. Und das tut mir sehr leid. Wir haben unsere Aktion gestartet in der Hoffnung, anderen Menschen und uns selbst ein Stück Motivation in die Hand zu geben, sich dem eigenen Verhältnis zum Körper bewusster zu werden und zu versuchen, sich von äußeren Einflüssen und Kommentaren bezüglich zum Aussehen unabhängig zu machen. Nach der Idee war ich sofort Feuer und Flamme, leider aber auch sehr egoistisch. Ich habe in meinem Text (und wir in der ganzen Aktion) viele Menschen ausgeschlossen und unerwähnt gelassen. Das war dumm.


Mich haben sowohl positive als auch negative Kommentare über Blogs und Twitter erreicht. Die meisten waren sehr sachlich und freundlich formuliert. Andere nicht, was ich mit der Wut und Enttäuschung über unsere Texte in Zusammenhang bringe und nicht als persönlichen Angriff verstehe. Ich habe sofort versprochen, mir so viel Kritik wie möglich durchzulesen und darauf zu reagieren. Ich kann hier nicht auf alles, was geäußert wurde, eingehen. Das möge man mir verzeihen. Seid euch aber sicher, dass die Geschichte für mich mit diesem Post nicht abgeschlossen ist, sondern dass ich weiterhin sehr viele von euren Posts und Tweets lesen werde, um zu verstehen, zu reflektieren und zu lernen.


Miss Temple hat in einem Blogpost die Kritik auf einen Punkt gebracht, ich habe ihn mehrmals gelesen und empfehle ihn euch weiter. Natürlich kann der Rausschmiss einer Waage oder das Sich-Nicht-Mehr-Wiegen keine Lösung sein, für niemanden. Das habe ich in meinem Text auch versucht zum Ausdruck zu bringen. Vielleicht habe ich es nicht deutlich genug geschrieben: Für mich sollte das bloß einer kleiner Anfang sein. Ein Versuch, sich selbst unabhängig von Zahlen zu machen. Das ändert nichts an der Gesellschaft, ihren Regeln, wie "mensch zu sein hat" und den Anfeindungen, die viele Menschen tagtäglich ausgesetzt sind. Dessen bin ich mir bewusst und möchte es hier noch einmal deutlich zum Ausdruck bringen. 

Als wir die Idee zu #waagnis hatten, haben wir ausgemacht, dass jede von uns einen Text zum Thema Waage, sich wiegen und Körpergefühl schreibt. Wir haben uns die Texte nicht vorher gezeigt oder gegenseitig abgestimmt. Das war Absicht. Wir wollten so frei wie möglich schreiben. Gleichzeitig haben wir dabei vergessen, weiter als nur auf die eigene Waage oder auf den eigenen Bildschirm zu gucken. Ich werde mir in Zukunft dreimal überlegen, ob ich zu einem Thema einen ausschweifenden Artikel schreibe oder nicht.

Wir haben all die Aktivist*innen unerwähnt gelassen, die sich seit Jahren gegen Dickenfeindlichkeit und für Fat Acceptance einsetzen. Ich habe (und bin immer noch dabei) viele Linklisten durchgeklickt und kann euch nur einen Ausschnitt hier zeigen. Von dort kann sich aber jede*r weiterklicken und (hoffentlich) die Kritik an #waagnis nachvollziehen (dank an die Mädchenmannschaft, Charlott und Sarah, die mir solche Links in die Timeline spülen):


ARGE Dicke Weiber

Aktivismus gegen Dickenfeindlichkeit 
(und viele weitere tolle Artikel zum Thema bei der Mädchenmannschaft)
Anke Gröner
Riots not Diets
Die Fat Acceptance/Activism Liste von Margitte
Texte zum Thema Körpernormierung bei identitaetskritik.de
lippy answers: body acceptance Linkliste

(Ich werde diese Liste fortlaufend aktualisieren, wenn ich neue Artikel gelesen habe oder weitere Tipps bekomme. Vielen Dank noch mal an die, die mir bereits mit Hinweisen geholfen haben)


In einigen Reaktionen habe ich gelesen, dass wir (die Initiatorinnen) der gesellschaftlichen Norm entsprechen und deswegen natürlich aus einer privilegierten Situation heraus schreiben. Ich verstehe, dass unsere Texte daher auf einige arrogant und lächerlich gewirkt haben. Allerdings möchte ich zu diesem Punkt auch sagen, dass ich selbst, sowohl mit meiner Körpergröße als auch mit meiner Figur nicht der gesellschaftlichen Norm entspreche. Wenn wir von einer Norm ausgehen, die Kleidergröße 34/36 und einen großen, schlanken, weißen Körper als Norm definiert. Das entschuldigt nicht, dass ich Menschen in meinem Text ausgeschlossen habe. Trotzdem möchte ich nicht von anderen beurteilt werden, inwiefern ich für etwas qualifiziert bin oder nicht. An dieser Stelle würde ich mir mehr Solidarität und gegenseitige Unterstützung wünschen.


Auf Twitter geht es aktuell auch um die Forderung, "kulturelle Ressourcen und Strategien" sichtbar zu machen, die zu "mein Gewicht kann mir egal sein" führen. Das finde ich wichtig und möchte es hier nicht unerwähnt lassen. Ich kann mich zu dem Thema nicht äußern, aber Sarah hat schon versprochen, in ihrem zweiten #waagnis Post darauf einzugehen. @baum_glueck hat hierzu den Text von schizoanalyse "Das große Fressen" empfohlen.

#waagnis sollte eine positive Aktion werden. Das hat nicht funktioniert. Das ist immer noch schwer. Ich entschuldige mich bei allen, die ich gestern mit meinem Text, beziehungsweise dem unreflektierten Umgang mit dem Thema, verletzt habe und denen ich, vor allem beim Entdecken des Hashtags auf Twitter, den Tag versaut habe. Ich hoffe, ich konnte mit dieser ersten Stellungnahme ein bisschen was dazu beitragen, den Grundgedanken von #waagnis zu verdeutlichen und hoffe, dass wir in diesem Thema wieder mehr aufeinander zugehen können. Ich werde selbst weiterhin recherchieren und lesen und freue mich über jeden Hinweis, Artikel und Link, von dem ich lernen kann!


Edit: Weil ich drauf angesprochen wurde. Ich möchte mit diesem Statement nicht die Diskussion unterdrücken. Ich finde die Idee hinter #waagnis, so wie ich sie hier erkläre, weiterhin toll, nur die Umsetzung ist in Teilen schwierig gewesen. Ich stehe weiterhin zu meinem Text über den Nicht-Besitz der Waage. Ich finde es aber wichtig, Kritik aufzuzeigen und darauf zu reagieren.

Kommentare:

  1. Ich finde toll und bemerkenswert, wie Du auf die Kritik reagierst. Das ist für mich Debattenkultur im Besten Sinne. Respekt!

    Ich bedaure lediglich eines: Ich hätte es sinnvoller, wichtiger und produktiver gefunden, wenn die Kritik Ergänzung zum Waagnis gewesen wäre. Wenn aus dem anfänglichen engeren Blickwinkel ein weiterer geworden wäre. Wenn sich die Perspektiven vervielfältigt und gegenseitig ergänzt hätten. So wird eine Debatte eher wieder erstickt statt sie weiterzutragen und das Thema fat acceptance auch an Leute heranzutragen, die sich bisher damit nicht beschäftigt haben - für die das aber eventuell ebenso wichtig wäre, wie nicht mehr auf eine Waage zu steigen.

    Für die Zukunft wünsche ich mir zwei Dinge: weniger Heftigkeit! und mehr Bereitschaft zum Perspektivenwechsel - statt alles zurückzunehmen.

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    1. Vielen Dank! Ich möchte mit diesem Statement nichts zurücknehmen. Ich finde die Idee unserer Akton weiterhin gut und stehe voll hinter meinem Text. Allerdings finde ich es wichtig, auch Kritik aufzuzeigen und darauf zu reagieren. Ich hoffe, dass der Text nicht so wirkt, als würde ich alles zurücknehmen wollen.

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    2. oh, danke für Deine schnelle Antwort (und das schnelle Freischalten). ich hatte es eben ein bisschen wie "zurücknehmen" gelesen. Deswegen mein Kommentar. Wenn dem nicht so ist, umso schöner.

      Ich fänds toll, wenn die Aktion weiterläuft und ergänzt wird, wie es z.b. Antje Schrupp schon getan hat. Das kann ja gern kritisch sein, aber ich finde eben die Debatte so wichtig und glaube, sie braucht Pluralität und vor allem ganz viel Raum und Öffentlichkeit! in allen Dimensionen: Waagen, Körpernormen, Essstörungen etc. und eben auch persönliches Empowerment UND Reflektion der gesellschaftlichen Strukturen. Das kann nie ein Text alleine schaffen, sondern immer nur ganz viele zusammen im gegenseitigen Bezug aufeinander. :)

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    3. Liebe Nina,
      nicht nur in Deinem Blogpost fiel mir dieser Hang zur schon sehr prononcierten Selbstkritik auf, und er enttäuscht mich etwas.
      Ist das nicht ein Stück "typisch weibliche" (ich will da nicht in Stereotype verfallen, aber es scheint mir tatsächlich eher ein "weibliches" als ein "männliches" Verhalten zu sein, wenn ich so meine Alltagsinteraktionen ansehe)Kultur, auf Kritik mit heftigem Verständnis und sofortiger Rücknahme aller kritisierten Punkte zu reagieren? Wie sollen wir uns denn da im privaten und öffentlichen Leben als Frauen (und Feministinnen) jemals durchsetzen, wenn wir uns einen so allumfassenden Sorry-tut-mir-ja-so-leid-wollte-dich-nicht-verletzen-Reflex nicht abtrainieren?

      Wesentlich sympathischer finde ich ein selbstbewußtes: Wir haben in der Situation das für uns Naheliegende getan, wir finden das immer noch gut, hier noch eine Erweiterung um Perspektiven, die wir zu diesem Zeitpunkt nicht berücksichtigt haben - schön, dass wir hier weitere Diskussionsstandpunkte reinbekommen, das erweitert unser aller Horizont.
      Und gut ist!

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    4. Liebe/r Anonym,
      im Nachhinein (und nach vielen Gesprächen) denke ich auch, dass ich möglicherweise zu devot reagiert habe. Daher auch mein später eingefügtes Edit, dass ich ich unsere Idee immer noch toll finde und voll dahinter stehe. "Ich wollt dich nicht verletzten" finde ich schwierig, weil wohl kaum jemand, Menschen tatsächlich verletzten will. Es aber leider manchmal tut, ohne nachzudenken.
      Vielen Dank für deinen Kommentar und deine Anregung, weiter über Reaktion (vor allem als Frau) nachzudenken :)!

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  2. Guter Text. Habe mich auch selbst dabei erwischt wie ich Feuer und Flamme war (morgens nach dem Aufstehen ...) und dann reflektierte. Es isz ja auch ein emotionales Thema für jede Frau.....
    Dennoch muss ich sagen, dass du gerade mehr Größe zeihst als die meisten Kritikerinnen .... die haben mich zT echt enttäuscht mit ihrer persönlichen Haterei (das ging bis zu namemockery etc...) nundenn. Danke. Weitermachen! ;)

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  3. Für mich war das klar, dass eine spontane Aktion (wie wir sie im Netz ja eigentlich alle lieben) nicht von Anfang an perfekt ist. Das sollte man auch nicht erwarten. Hier geht es doch um das Signal!

    Ich persönlich hätte sofort mitgemacht und meine Waage vor die Tür gestellt und das auf allen Kanälen gepostet, aber ich bin gerade schwanger und das ist wohl die einzige Zeit im Leben einer Frau, wo eine Waage Sinn macht. Ich nutze jetzt die Gelegenheit hier, mit diesem Kommentar, meine Unterstützung zum Ausdruck zu bringen. Ninia und alle anderen #Waagnis-Initiatoren: Fühlt Euch geflauscht!

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  4. Solchen Blödsinn hat man euch tatsächlich geschrieben?

    Als ob man sich nicht permanent ungenügend und angefeindet fühlen würde, wenn man (von außen betrachtet) der "Norm" entspricht... DAS ist es, was das Leben so schwierig macht. Anstatt sich gegenseitig zu unterstützen und zu sgen: "Ich finde es toll, wie ihr euren Weg geht", wird wieder auf Leute eingehackt, weil sie ja angeblich nicht verstehen können, wie so etwas wirklich gemeint ist, und weil sie ja nie so schlimm kritisiert wurden wie irgendwer anders.

    Ich finde es immer gut, wenn sich jemand gegen das "Ideal"-Bild auflehnt. Ob das jetzt bedeutet, ohne Makeup aus dem Haus zu gehen oder bunte Farben zu tragen oder sich nicht die Beine zu rasieren oder eben nicht jede depperte Idee zu probieren, bei der einem versprochen wird, man könne in 48 Stunden 20 Pfund abnehmen - als ob wir keine anderen Probleme haben könnten! ^^ Aber dann wird jede(r), die (oder der) sich von den "Normen" abwendet, von der breiten Masse angefeindet, weil sie anders ist - und von denen, die noch weiter abseits von der Masse stehen gescholten, weil sie nicht weit genug gegangen ist.

    (Gestern oder vorgestern erst habe ich irgendwo anders einen Artikel gelesen, in dem es an einer Stelle sinngemäß hieß, die Aktivistinnen in den Siebzigern hätten sich gar nicht um ihr Gewicht kümmern können, weil sie sich für wirklich wichtige Dinge engagiert hätten.)

    Armselig. Wirklich armselig.

    Tut mir leid, dass ihr so einen Blödsinn lesen müsst. (Und dass ich hier jetzt gerantet habe. Ich wollte das nicht comment-jacken...)

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    1. Ja, die Debattenkultur in diesem Zusammenhang ist schwierig. Viele Leute schreiben seit Jahren über Körpergefühl und Gewicht und fühlen sich dann unbeachtet, wenn sie in den Diskurs nicht aufgenommen werden. Andererseits: Wenn ich über das Thema in meinem Blog schreiben möchte, dann tue ich das. Dass erwartet wird, weitere Artikel in dem Zusammenhang mit aufzunehmen, kann ich verstehen. Aber ich lasse mir/uns nicht den Vorwurf machen, wir wären nicht genug "irgendwas" dafür.

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    2. "Aber ich lasse mir/uns nicht den Vorwurf machen, wir wären nicht genug "irgendwas" dafür." - So ein Gedanke ging mir auch durch den Kopf.
      Warum freut man sich nicht, dass das Thema überhaupt aufgegriffen wird, anstatt ein Fass aufzumachen, das mit der Sache, für die man sich einsetzt, ja gar nichts zu tun hat.
      Bewusstsein schafft man doch besser gemeinsam als gegeneinander.

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  5. ich glaube es kommt bei diesem thema immer viel darauf an, wie der leser es verstehen WILL. ich glaube, ich kann mir deinen gedanken dahinter vorstellen, und ich finde ihn GUT. man kann nie alle eventualitäten miteinbeziehen, alle menschen dahingehend berücksichtigen, daher bringt es auch immer eine gewisse subjektivität mit sich.

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