2013-09-12

ROLLENSPIELE - ÜBER BEHINDERUNGEN IN FILM UND FERNSEHEN UND DEN WUNSCH NACH MUT ZU NEUEN DARSTELLER_INNEN UND FORMATEN

Auf der diesjährigen re:publica war ich Talkgast zum Thema "Raus aus der Rolle – Behinderung im Fernsehen". Die Diskussionsrunde wurde vom für den Grimme Online Award 2013 nominierten Portal leidmedien.de ausgerichtet und bestand aus Raul Krauthausen, Lilian Masuhr, Martin Fromme, Erwin Aljukic und mir. In dem Panel ging es in der Hauptsache um die Darstellung von Behinderten in Film und Fernsehen. Ich durfte viele neue positive Beispiele aus dem Ausland kennenlernen* und empfand die Diskussion als sehr interessant und fruchtbar. Danach habe ich lange überlegt, wie und in welchem Rahmen ich noch einmal zusammenfassend meinen Senf dazu geben könnte.
Nach den vielen "qualifizierten" Kommentaren zum letzten Post über den Auftritt von Miley Cyrus bei "Schlag den Raab" wurde ich wieder an das Panel erinnert und dachte, jetzt ist die Zeit gekommen, das Thema noch einmal aufzuwärmen. Wie ich schon im Absatz oben erwähnte: Es handelt sich hier um "meinen Senf". Das hier ist mein Blog, das bedeutet, ich spreche niemals für "alle" Behinderten™, für alle Rothaarigen oder alle Regina-Regenbogen-Fans, sondern ausschließlich für mich.

In der Diskussion auf dem Panel und auch im Gespräch mit Christiane durfte ich lernen, dass das Bewusstsein für Diskriminierung und die Bereitschaft zur Inklusion in anderen Ländern wie Großbritannien erfahrungsgemäß größer ist als in Deutschland – zumindest, was die Erfahrung der Menschen angeht, mit denen ich gesprochen habe. Da ich mich noch nie länger als die übliche Urlaubslänge im Ausland aufgehalten habe, kann ich selbst nur eingeschränkt Vergleiche ziehen. Ich erinnere mich aber, dass ich nach meinem Island-Urlaub in diesem Jahr einen sehr wütenden Facebook-Post verfasste. Auf Island hatte ich, so zumindest mein Empfinden, kein Mensch dafür interessiert, wie ich aussehe. Benötigte ich Hilfe, bekam ich diese spontan. Schaffte ich Dinge selbst, wurde das sofort erkannt und entsprechend [nicht] reagiert. Ich fühlte mich nie wohler. Und kaum war ich zurück in Deutschland, erfuhr ich Disrespect, indem andere Menschen sich vordrängelten, so taten, als existiere ich nicht, weil ich auf ihrer Augenhöhe nicht sichtbar bin und ein mir unbekanntes Heteropärchen händchenhaltend ihre Arme über meinen Kopf hinwegschwang. So etwas passiert regelmäßig. Ich bin das gewohnt und weiß entsprechend zu reagieren. Nach der Pause in Island fielen mir die vielen kleinen respektlosen Ereignisse allerdings mehr auf und machten mich deshalb wütender.

In den Kommentaren unter dem Miley-Post und in der Diskussion auf der re:publica wurde deutlich, dass viele Menschen [auch Selbst-"Betroffene"] denken, die Darstellung Behinderte jeglicher Art sei eine gute Darstellung. Frei nach dem Motto: "Hauptsache, wir zeigen der Masse, dass es Menschen gibt, die nicht der Norm [was immer die sogenannte Norm sein soll] entsprechen. ODER SOLLEN WIR DIE BEHINDERTEN™ ETWA VERSTECKEN??!" Nein, natürlich nicht. Eigentlich ist die Frage auch so blödsinnig, dass mensch sie gar nicht beantworten muss. Für mich allerdings trifft "every press is good press" nicht zu. Mir geht es um Bilder und Meinungen, die transportiert werden. In unserer Gesellschaft regiert immer noch das Gefühl beim Registrieren einer Behinderung in irgendeiner Weise reagieren zu müssen. Das fängt an beim unbegründeten Heroisieren und geht bis zum Mitleid im Überfluss äußern. Die spiegelt sich auch in den vielen medialen Beispielen, die Leidmedien.de regelmäßig auf ihrer FB-Page posten. Menschen sind unsicher und glauben, diese Unsicherheit gegenüber "Fremdem" oder "Unbekanntem" kompensieren zu müssen. Und obwohl ich das verstehen kann, finde ich es absolut unnötig. Drehen wir den Spieß um und stellen uns vor, ich würde jeden Menschen mit extrem langen Fingernägeln dafür loben, dass er_sie trotzdem aus dem Haus geht. Oder diesem Menschen über den Rücken streicheln und mitleidig äußern, dass das wirklich ein hartes Schicksal sei. Kommt euch bekloppt vor? Ist es auch.
Eine Zuschauerin beim re:publica-Panel erzählte in der Fragerunde eifrig, dass sie bei einem Fernsehsender arbeite und ihre Redaktion jetzt vorhabe, eine Doku über eine behinderte Zirkustruppe zu drehen. Vielleicht hat sie dafür ein Lob erwartet, das bekam sie, zumindest von mir, nicht. Eine Doku über eine Zirkustruppe ist toll. Auch eine Doku über eine Zirkustruppe, die aus behinderten Artist_innen besteht, ist toll. Aber warum erwarten Produzent_innen und Medienmacher_innen Lob, wenn sie Formate wie diese entwickeln? Das müsste so "normal" sein, dass es niemanden auffallen würde, dass das jetzt etwas "Besonderes" ist. Und mir geht die hunderttausendste Doku über Behinderungen jeglicher Art auch nicht weit genug. Genau wie mir auch die Diskussionen über die Besetzung behinderte Rollen in Film und Fernsehen durch behinderte Schauspieler_innen nicht weit genug geht. Die Rolle einer/s Rollstuhlfahrer_in mit einer/m Schauspieler_in zu besetzen, die/der auch im "wirklichen" Leben im Rollstuhl sitzt, ist mir nicht Inklusion genug! Ich wünsche mir Filme und TV-Formate, in denen Behinderungen, Hautfarbe [und alle anderen "Merkmale", die schnell zu -ismen führen] auf natürliche Art und Weise integriert werden. 

Ein Beispiel: Die Protagonistin einer Serie hat einen besten Freund. Diesem Freund fehlt zufällig ein Arm. Wo auch immer dieser Arm abgeblieben ist – es interessiert niemanden. Ab und an kommt es natürlich zur Sprache, wie das im Leben so ist. Der Freund wurde aber nicht besetzt, weil ihm ein Arm fehlt, sondern weil er ein guter Schauspieler ist. Und er wurde nicht besetzt, weil die Rolle ausschließlich daraus besteht, dass dem Mann ein Arm fehlt, sondern weil er ein guter Schauspieler ist. 

In unserem Panel sprachen wir auch darüber, dass behinderte Moderator_innen in Deutschland ausschließlich Sendungen moderieren, die sich mit Behinderungen beschäftigen [s. Linkliste]. Warum? In der restlichen Fernsehlandschaft moderieren doch auch nicht nur Menschen mit blonden Haaren ausschließlich Sendungen, die sich mit blonden Haaren beschäftigen.

Behinderte Rollen müssten meiner Meinung nach gar nicht immer mit auch in der Realität behinderten Schauspieler_innen besetzt werden. Deshalb nennt sich das Spiel Schauspielerei. ABER: So lange die Darstellung Behinderter so unterirdisch und nur auf Merkmale reduziert stattfindet, sollte das Gang und Gäbe sein. Allein, um die Filmemacher_innen zu "zwingen", sich mit behinderten Schauspieler_innen auseinander zu setzen. Ganz oft findet die Besetzung einer behinderten Rolle mit einer/m vermeintlich gesunden Schauspieler_in aus Faulheit statt, davon bin ich überzeugt. Das erfordert auch mehr barrierefreie Möglichkeiten für behinderte Schauspieler_innen das Fach zu lernen und zu studieren. Soweit ich weiß, gibt es deutschlandweit eine Schauspielschule für Rollstuhfahrer_innen, in Ulm. Eine Schauspielschule. Da dürfte überhaupt keine Unterscheidung stattfinden: Alle Schauspielschulen sollte für alle talentierten Schauspieler_innen frei zugänglich sein. Wäre dem so, würde es sicherlich auch oft an der Prüfungskommission scheitern, dass behinderte Schauspieler_innen zugelassen werden. "Die sind schwerer vermittelbar" könnte einer der Gedanken sein. Es ist also ein Teufelskreis, aus dem wir nur ausbrechen können, wenn wir anfangen, Behinderungen nicht mehr als etwas "Besonderes" oder "Störendes" zu betrachten.

Es gibt auch in Deutschland Versuche, vieles richtig zu machen. Beispiel: der #Tatort aus Münster. ChrisTine Urspruch spielt seit 2002 die Rechtsmedizinerin Silke Haller. Menschen, die mich mir auf Twitter folgen, wissen, dass ich großer Tatort-Fan bin. Und der Tatort aus Münster gehört zu denen, die ich am liebsten mag. ABER: Auch die Rolle der Silke Haller ist in der Hauptsache darauf ausgelegt, dass sie kleinwüchsig ist. Urspruch spielt nicht eine Rechtsmedizinerin, die einfach klein ist, sondern eine Rechtsmedizinerin, die als Side-Kick für auflockernde Witze dabei ist. Versteht mich nicht falsch: Über manche dieser Witze habe ich schon Tränen gelacht. Trotzdem ist es für mein Verständnis in manchen Folgen zu viel. Im Vergleich zu anderen Formaten und Darstellungen ist der Tatort hier aber auf einem sehr guten Weg.

Zum Abschluss möchte ich mir Dinge für die Zukunft wünschen: Ich wünsche mir Film- und Fernsehformate, in denen keine positive Diskriminierung mehr stattfindet. Ich wünsche mir viel mehr Auftritte von disabled [nicht-weißen,... hier könnt ihr beliebig viele Attribute einfügen] Menschen, die auftreten, weil sie es können und nicht weil sie von anderen heroisiert werden. Ich wünsche mir eine Umerziehung der/s deutschen Fernsehzuschauer_in. Liebe Medienmacher_innen, euer langweiliges Argument "Die Zuschauer_innen wollen das aber so" hat ausgedient. Sie wollen nur das, was sie kennen. Wie sollen sie etwas wollen, das sie noch nicht kennen? Ihr habt Macht, also macht etwas Gutes mit ihr. Ich wünsche mir mehr Bewusstsein für Diskriminerungen und Benachteiligungen. Ich wünsche mir weniger "Von oben herab"-Gelaber aus einer priviligierten Super-Position. Und ich wünsche mir mehr Verantwortungsbewusstsein bei allen Beteiligten.

Das ist alles :).

* Hier noch einmal eine Linkliste der Formate, die auch im Panel zur Sprache kamen:

Weiterführende Links:
  • Julia Probst beschäftigt in ihrem Blog regelmäßig mit der Darstellung Behinderte in Film & Fernsehen
  • Christiane Links Blog "Behindertenparkplatz" ist ein Must für jede_n in Sachen Inklusion und Behinderung
  • Christiane hat auch eine schöne Blogroll zu behindertenpolitischen Themen aufgestellt
  • Raul erwähne ich schon oben, hier möchte ich euch seinen Blog aber auch nochmal ans Herz legen

[Das hier ist mein persönlicher Spielplatz. Wer sich in den Kommentaren nicht an die Regeln hält oder zeigt, dass er/sie meinen Text nicht vernünftig gelesen hat oder dusselige Kommentare hinterlässt, wird rigoros gelöscht. Das darf ich, weil ich hier die Regeln mache.]

Kommentare:

  1. vielen lieben dank für diesen tollen beitrag, ninia. ich finde deine beobachtungen und wünsche absolut nachvollziehbar und würde diese sofort unterschreiben. ich will deshalb auch gar nicht viel hinzufügen, außer einem assoziativem kommentar: ich musste nämlich sofort an den französischen schauspieler jamel debouze denken. den fand ich als akteur immer sehr toll und sah viele filme von ihm, bevor ich seine behinderung überhaupt wahrnahm. ja. das war's. :)

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    1. Liebe Anika, danke für den tollen Tipp :)!

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  2. Nach diesem Beitrag liefen mir spontan die Tränen.
    Man bin stolz, so eine Tochter zu haben!

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  3. Danke für den Text. Mein Mann arbeitete früher in einem Schwerstbehindertenheim, bei uns um die Ecke hats (nebst der Kontrollierten Heroinabgabe) ein Wohnheim mit Leuten im Rollstuhl oder mit Spastiken. Und das liegt auf dem Weg in die Kita meiner Tochter. So ist es mit meiner bald 4jährigen Tochter immer wieder ein Thema wie und warum manche Leute "etwas anders" sind als andere. Einerseits ist es schwierig, einem Kind zu erklären, warum jemand z.B. im Rollstuhl sitzt (oder mit etwa 40 Jahren einen Schnuller im Mund hat, Mann was hat sie gestaunt ;-) ) Andererseits habe ich durch ihre Reaktionen gemerkt, dass egal welche Merkmale ihr an einem Menschen auffallen, für sie ist jemand der Spastiken hat, nicht mehr auffällig oder "anders", als jemand mit blauen Haaren. Das finde ich immer wieder schön, weils es nicht wertend ist, diese Sichtweise eines Kindes.

    Aber eigentlich wollte ich nur kurz von dieser Kindersendung beim BBC erzählen - moment *googln* - Cerrie Burnell heisst die Dame. Sie ist bei diversem CBBC-Formaten dabei, und aus meiner Perspektive ist ihr fehlender Unterarm ziemlich nebensächlich. BBC hat aber auch noch Sendungen, die gezielt für/von/was auch immer Kinder mit gewissen Extras sind. Find ich grundsätzlich gut, hat aber eben diesen Ach-guck-mal-den-an-Beigeschmack.

    Äh. Hoffe das ist grad nicht allzu wirr da oben. Müssteschon längst schlafen.
    Also.merci fürs schreiben und lesen!
    Zoé

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  4. Genau, in den Medien kann es erst ankommen, wenn es in der Gesellschaft angekommen ist. Ich hoffe, wir schaffen das irgendwann...

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