2013-12-20

BABYS FÜR DIE GESELLSCHAFT

Es ist 7:45 Uhr und ich habe bis jetzt weder etwas gegessen, noch einen Kaffee getrunken. Alles, was ich will, ist ein Rezept. Ein Rezept für die Pille, die Anti-Baby-Pille. Nun hat meine Frauenärztin einen guten Trick am Start – immer, wenn man ein neues Rezept benötigt, muss man sich auch untersuchen lassen. Weil ich aber erst kurz vor knapp merkte, dass ich ein neues Rezept brauche, sitze ich so früh in diesem Wartezimmer und muss mit einer Vertretung vorlieb nehmen. Das ist sehr schade, weil ich meine Frauenärztin mag. Sie lobt mich immer für meine Brüste. Das finde ich nett. Wer macht das sonst im Alltag.

"Hallo."
"Hallo. Machen Sie sich bitte frei. Ach, wie schön, so schöne Brüste, was für ein Glück. Dürfen Sie wieder einpacken."

Da geht man gleich viel aufrechter aus der Praxis.
Rechts neben mir, ein paar Plätze weiter, sitzt eine Frau mit künstlichen Wimpern und Ugg Boots. Ich überlege, was sie wohl heute noch vorhat. In die Arktis fahren und dort Eiszapfen am Auge sammeln?
Über der Wimpernlady hängt ein Flatscreen, auf dem in Dauerschleife Brüste gezeigt werden. Eine Frau zeigt, wie man sich die Brüste abtastet, immer wieder, seit 15 Minuten. Ihre Brüste sind auch schön. Nur sehr weich – wahrscheinlich vom langen Dreh und drauf rumdrücken, Ich denke darüber nach, dem Mann davon zu erzählen, damit er das nächste Mal mitkommt.


Dann werde ich aufgerufen. Frau Doktor begrüßt mich schon auf dem Flur und wirkt bis jetzt ganz normal. Wie Frauenärzte eben normal wirken können. Auf so hygienisch-vertraute Art und Weise. Sie schüttelt mir etwas labbrig die Hand und fragt, warum ich da bin. "Ich brauche ein neues Rezept." "Na dann ziehen Sie sich doch bitte aus." Der Stuhl in ihrem Praxisraum ist nicht höhenverstellbar. Ich stehe, unten rum völlig nackt, ratlos vor dem Stuhl herum. Mein unterer Körperbereich findet diese Situation etwas unangenehm.
"Ja, ups, das tut mir leid, da müssen Sie irgendwie drauf kommen." Sie zieht ihre Gummihandschuhe an und wartet. Nicht nur, dass ich für ein dusseliges Rezept so früh und halbnackt hier antanzen muss – jetzt soll ich auch noch Sport machen!
Also kraxele ich, unten rum schon fast eingefroren, den Stuhl hoch.


Frau Doktor tastet alles ab und schiebt mir das Ultraschallgerät in den Körper.
"Haben Sie Kinder?"
"Nein."
"Ist das Absicht?"
Was? Na sicher. Die Frau hat mich vor zwei Minuten kennengelernt, bohrt mit einem Gerät in mir herum und will jetzt auch noch Small Talk machen.
"Äh, ja?!"
"Naja, Sie sind schon 30."
"Das ist korrekt", sage ich.
"Wollen Sie Kinder?"
"Ja. In ein bis zwei Jahren."
"Lassen Sie sich damit nicht mehr sooo viel Zeit!!", ruft sie entsetzt.
"Bitte??!"

Ich bekomme Angst. Vielleicht ist irgendwas kaputt und sie hat das gerade entdeckt? Oder in zwei Jahren sind Kinder nicht mehr verfügbar? Ich kann aber auch nicht hektisch aufspringen, in mir steckt ein glitschiges Ultraschallgerät und vom Stuhl muss ich auch erst einmal wieder runterkommen.
"Die Gesellschaft denkt, sie könnte immer später Kinder kriegen, aber das ist nicht so!!"

Was ist denn los? Warum gerate immer ich an so komische Menschen? Meine allererste Frauenärztin sprach beim Abtasten: "Ach, huch, Ihre Gebärmutter ist ja ganz klein!!" Ach nee! Schau mich doch mal an! Ich bin insgesamt ganz klein!
Oder die andere Ärztin, die bei einer Untersuchung plötzlich ausrief: "Süüüüß, ach, da ist ja was!!" Und mir Schweißperlen auf die Stirn trieb. "Was ist??", fragte ich damals hektisch. "Ach, ich habe nur eine kleine Zyste gefunden. Kein Problem, die beobachten wir in der nächsten Zeit." "Das finden Sie süß, Herrgott?!" "Naja, sie ist so klein und ich habe sie trotzdem gefunden." "Herzlichen Glückwunsch."


"Ok, ich, ähm, denke drüber nach", antworte ich Frau Doktor auf ihren Verbesserungsvorschlag hinsichtlich meiner Familienplanung.
Als ich mich wieder anziehe, fragt sie, ob ich mich regelmäßig abtaste, sonst würde sie kurz mal gucken. 'Nee, Madame!', denke ich, 'so nicht.' Die ganze Zeit rummeckern und dann meine schönen Brüste anfassen wollen. Da könnte ja jede kommen.
"Ja, na sicher, wie die Dame in ihrem Video – täglich, alles super gut", sage ich.
Zur Belohnung bekomme ich endlich mein Rezept. Kurz denke ich darüber nach, zukünftig wie die alten Römerinnen zu verhüten: Nach dem Sex schnell hinhocken und niesen. Dann stelle ich mir aber die Reaktion meines Gegenübers vor und verwerfe die Idee wieder. Stattdessen schreibe ich eine SMS an den Mann: "Ich komme jetzt nach Hause, du musst mir ganz schnell ein Baby machen. Für die Gesellschaft."

Kommentare:

  1. Liebe Ninia, vielen Dank für diesen Artikel. Ich habe mich auch auch einmal in einem Artikel über das Thema "Wann bekommt ihr Kinder?" ausgelassen: http://www.abfallkorb.net/2013/03/frag-nicht.html Schlimm finde ich im Nachhinein nicht nur, dass überhaupt jemand fragt, sondern auch "WANN" und nicht "Wollt ihr generell?". Das spricht einem direkt die Entscheidungsfreiheit ab.

    Zu dem Zeitpunkt, als ich den Artikel schrieb, gehörten der Macker und ich tatsächlich zu Gruppe Nummer 2 und es war aus verschiedenen Gründen nicht so einfach, das Wunschkind zu zeugen. Da nervte die Frage ganz besonders. Witzigerweise hat es kurze Zeit danach geklappt und ich entbinde mein Kind in 2 Wochen, wenn alles gut geht. Aber das war schlichtweg die Entscheidung von uns als Paar, gemeinsam Kinder zu haben und auch von mir als Frau, meinen Körper "zur Verfügung zu stellen". Da muss niemand um die Ecke kommen, egal ob Arzt oder Bekannter, der einen mit dieser Frage nervt.

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    1. Vielen Dank für den Link und alles Gute für Euch und das Baby!

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  2. Erstens: Diese Frau gehört verboten! Zweitens: Eine/n zusätzliche/n Ninia könnte die Gesellschaft aber tatsächlich gut vertragen. Ganz egal, wann.

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  3. Ja, Glückwunsch :)! Ich muss dann wohl auch mal ganz schnell mit dem Freund sprechen, immerhin werde ich schon 33. Der Zug ist dann wohl schon abgefahren ;)!

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  4. Oh Mensch, gar nicht okay, das ganze. Dass du überhaupt für dein Rezept untersucht werden musst. So alle drei Monate ist das ja nicht unbedingt nötig. Und die Fragen: Grenzwertig. Und auch übergriffig von jemandem, mit dem man noch kein Vertrauensverhältnis hat. Macht meine zum Glück anders, ist aber in Köln. Abgesehen davon, feiner Artikel.

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  5. *grins*
    Erinnert mich an meine Ärztin... die mir mit 33 Jahren nahelegte mal drüber nachzudenken, wie es zukünftig weiter gehen soll.
    Also ob Sterilistation oder so...
    Weil ich habe schon zwei Kinder gehabt zu der Zeit...

    Tja, jetzt habe ich Baby Nr. 3 und sie legt mir gerne noch nahe mal drüber nachzudenken usw.


    Unsere Freunde sind auch zwischen 33 und 35 Jahren alt und fangen jetzt an mit dem Kinder bekommen ;-)

    Aber so eine weiter Ninia...doch das hätte was :)

    LG KaTe

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  6. Könnte da grad an so vielen Stellen WTF schreien
    Aber ich will mal lieber fragen, ob das Stuhlproblem bei der Ärztin geregelt wird- ist er dort höhenverstellbar?

    (hast du eine Eierbratpflanne oder so- damit du solchen Leuten mit einem süßen Bratpfännchen ihre süß-Anfalle ... hust hust)

    Viele Grüße
    @theRosenblatts

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  7. Achja. Ich hatte mal folgenden Dialog, als ich bei der FÄ war, um den Sitz der Spirale kontrollieren zu lassen.

    FÄ: Haben Sie aktuell Kinderwunsch?
    Ich: Öhm, nein. Darum hab ich ja ne Spirale.
    ...
    FÄ: *ultraschallt* Oh, da sind ja zwei zwei Follikel! Wie schön! Also wenn sie Zwillinge wollen, wäre jetzt ein guter Zeitpunkt.

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  8. Also die bedside manner von der Frau ist...gewöhnungsbedürftig, aber prinzipiell hat sie so unrecht nicht - wenn man denn Kinder will. Ich erlebe an meiner Schwester mit, was das für ein Drama ist, sie und ihr Mann hätten gerne Kinder und es klappt einfach nicht. Sie sind 36 und anscheinend ist da diese einmal probiert-sofort schwanger-Geschichte bei vielen einfach vorbei.

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  9. Hmpf.
    Und wenn frau dann mal schwanger ist, geht das nette Spiel weiter...

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    1. Das Thema Kinder, auch wen sie erst potentiell sind, lädt Menschen ein, ihre Meinung zu fremden Lebensentwürfen ungefragt kund zu tun. Dabei ist es relativ egal, ob man gefühlt zu alt, zu jung, zu ambitioniert.. (man füge hier weitere Steine des ANnstosses ein) ist. In jedem Falle: Gna!

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    2. Am Schlimmsten sind die Ungefragt-Hand-auf-den-Bauch-Leger. Argh!!!

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  10. Vielen Dank für diesen klasse Artikel!
    Ich muss aber leider sagen: Selbst wenn man ein Kind hat, dann hört das nicht auf. "Aber Herr Baby braucht doch ein Geschwisterchen!" und "Naja, so langsam musste dich für Nummer 2 aber schon ranhalten. Bist ja auch schon Mitte 30." *kotz*
    Einfach stur lächeln und winken!
    LG
    Nora

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  11. Oh, endlich habe ich mal was richtig gemacht, denn ich bekam meinen Sohn schon mit 19. :D Aber ohne Witz: bei den Frauenärzten ist irgendwas im Gange, meine jüngeren Freundinnen werden gerade ALLE angesprochen, ob sie nicht ein Baby (oder ein weiteres) bekommen wollen. Fürchten die um ihren Job als Geburtshelfer? Werden sie von den Krankenkassen dazu gedrängt? Keine Ahnung. Aber du wirst schon wissen, was das Richtige ist! Alles Liebe, Dani

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    1. Interessant, ich nehme an, die bekommen flehentliche Briefe von Politik und Interessensverbänden, dem demographischenWandel nach Kräften entgegenzuwirken.
      Ich fände es mal originell, wenn jeder Mann zwischen 20 und 50 mal einen Brief vom Bundeskanzleramt bekäme, der ihn an seine generativen Pflichten gegenüber der Volksgemeinschaft, ups, Gesellschaft, erinnern würde. Jede informelle Umfrage im Bekanntenkreis zeigt einem doch, dass die Frauen viel eher einen Kinderwunsch haben als die Männe. Also mal an der richtigen Stelle ansetzen! :-)

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    2. Das "Highlight" hat mir meine Freundin unlängst erzählt. Sie ist 47 und hat zwei erwachsene Töchter sowie einen Enkel.
      Geht zum Frauenarzt: "Ja, ich möchte gerne wissen, ob ich schon im Wechsel bin, damit ich nicht mehr verhüten muss."
      Frauenarzt: "Na, aber wenn sie jetzt schwanger werde möchten, müssen sie sich beeilen."

      W.T.F.

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  12. Ach ja, Frauenärzte sind schon irgendwie speziell. Man muss den Richtigen finden, und sollte dann keine Experimente mehr machen ;) Für mich ist das irgendwie Vertrauenssache, wie bei Zahnärzten auch...

    Neulich, als ich ein neues Rezept gebraucht habe, und meine Stammärztin zu weit weg (bzw. ich in einer anderen Stadt), musste ich dann wohl oder übel doch mal eine andere Ärztin aufsuchen. Und war erst mal erstaunt über die Zwangs-Untersuchung-sonst-gibts-hier-kein-Rezept. Das kannte ich bisher in dieser Ausprägung gar nicht. Und dann bekam ich erst mal eine nicht verlangte Ernährungsberatung, weil ein paar Frustkilo zu viel auf den Rippen... (ja, danke, ich weiss, dass Salat gesund ist... die Gründe liegen woanders. Aber DAFÜR bin ich nicht hier... :-/). Und das Angebot, ich könnte mich ja das nächste mal auch gleich bei ihr impfen lassen. Wenn ich schon mal da bin und so. Ich hab dankend abgelehnt, und mich nur gewundert, dass sie mir nicht auch noch eine Blutbilduntersuchung, eine Darmspiegelung und eine Überprüfung meiner Weisheitszähne angeboten hat... :-/

    LG, Rini

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    1. Hallo Rini, oh my. Was für ein Mist - manche haben von Einfühlungsvermögen noch nie etwas gehört.

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  13. Danke für diesen Artikel. Dieses vorwurfsvolle "Sie sind ja auch schon Ende 30" und dann immer "Naja, nicht jede will Kinder haben. Das ist schon ok..." mit leicht tadelndem Blick. Schrecklich!

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  14. Nur mal 'ne Frage: Ist das normal, diese Zwangsuntersuchung?

    Das Rezept für meine Frau hole ich bei ihrem Hausarzt ab. Ich fände es schon blöd, wenn sie dafür früher aufstehen müsste, geschweige denn, sich untersuchen zu lassen.

    Klar, der Hausarzt weist darauf hin, dass sie zum Gyn muss, und irgendwann (so nach eineinhalb Jahren frühestens) würde er auch kein Rezept mehr ausstellen wollen.

    Aber der Text klingt so, als sei zwangsläufig alle drei Monate eine Untersuchung fällig, sonst kein Rezept, auch nicht, wenn der Untersuchungstermin demnächst ist. Ist das normal/üblich?

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    1. Hallo jahnitu, das ist von Arzt zu Arzt unterschiedlich. Bei meiner Ärztin ist es so, dass ich tatsächlich immer zur Untersuchung muss, bevor ich ein Rezept bekomme. So sichern sie die halbjährliche Checks. Bei meiner alten Ärztin wurde ich nur drauf hingewiesen und habe aber auch so Rezepte bekommen. An sich finde ich das auch ok, sich halbjährlich checken zu lassen. Finde den Zwang aber auch sehr fragwürdig...

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    2. Was passiert denn, wenn man auf die unterschiedliche Praxis bei unterschiedlichen Ärzten hinweist und der Ärztins sagt, man würde gerne bei ihr Patientin bleiben, möchte aber auf die halbjährlichen Checks verzichten. Wenn sie unter diesen Umständen die Pille nicht verschreiben würde, würde man den Arzt wechseln. Steigt der Arzt dann von diesem Anspruch runter? Die können einen ja nicht zwingen, alle halbe Jahre diese Tortur durchzuziehen.

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    3. Ich weiß nicht, was dann passiert. Ich persönlich möchte auch nicht auf die halbjährlichen Checks verzichten - ich möchte auch die Ärztin nicht wechseln (die im Text beschriebene war ja nur eine Vertretung). Eine gute Frauenärztin zu finden, ist nämlich eine Herausforderung. Ich wünsche mir eher, dass die Untersuchung einfach keine Tortur ist. Bei meiner eigentlichen Ärztin ist es das auch nicht.

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