2016-05-08

"WIR SIND DRAUSSEN BEI DER MATRATZENWIESE!" – RECAP #rpTEN

Schon wieder Mai. Und schon wieder bestes Wetter. Wie machen sie das nur? Dass während der re:publica fast immer gutes Wetter ist? An das letzte Jahr konnte ich mich kaum erinnern, weil wir Johanna und ich den Tatort gedreht haben und Kathrin und ich eine Session zu Mode und Feminismus gehalten haben, so dass sich in meinem Kopf quasi drei Tage alles ums Organisieren und Vortragen drehte. Deshalb in diesem Jahr der Entschluss ganz zu entschleunigen. Einfach nur hinzufahren und da zu sein. Zuhören, quatschen, Mate trinken. Und was hab ich gelernt? Selbst, wenn ich keinen einzigen Vortrag selbst halte, hab ich nicht genug Zeit, um mich mit allen Menschen zu treffen, die ich gerne treffen möchte. Tja. War trotzdem gut.

Mein Gesamteindruck: Voll war's. So richtig. Dafür am Mittwoch so gar nicht mehr. Die Business-Kasper bleiben anscheinend nur zwei Tage, um Visitenkarten auszutauschen. Apropos Business-Kasper und Sponsoren: Julia Zhu hat meine Gedanken dazu bereits perfekt zusammengefasst. (Danke Johannes für den Link.) Es ist irgendwie unheimeliger geworden. Ein bisschen wie der Verlauf bei Big Bang Theory. Früher waren es die Nerds, die sich über die vermeintlich Normalen lustig gemacht haben und dabei cool waren. Heute machen sie sich über sich selbst lustig und sind bei nicht mal mehr cool, weil sie von den ganzen Normalos um sie herum erdrückt werden. Oder nennen wir es anders: Es ist professionell geworden. Das gilt allerdings nicht für alles. Kurioserweise waren immer die Sessions, die ich besucht habe, total überfüllt. Und kurioserweise haben viele andere Menschen auch diese Erfahrungen gemacht. Stage 1 hingegen war oft ziemlich verlassen, wenn ich mal durchgehuscht bin, um die neue Entspannungslandschaft auf dem Hinterhof zu nutzen. Klar, als Orgateam weißte nie zu hundert Prozent, was wohl wie doll besucht sein wird, aber dass Themen wie "Rassismus im Netz" und "Wie werde ich eine Coderin in 10 Steps" vermutlich mehr als 30 Leute interessieren werden, ist dann irgendwie doch klar. Wie man es dreht und wendet: Die STATION ist am Limit. Mehr Besucher_innen dürfen das nächstes Jahr aus meiner Sicht nicht werden. Ich bin mir noch nicht sicher, wie die Reise für mich weitergeht. Entweder, ich verspüre im Herbst wieder so viel Energie, dass ich doch was einreiche oder ich setze nächstes Jahr einfach mal komplett aus. Was mich auf jeden Fall seit fünf Jahren durchgehend nervt: Der Starkult rund um vermeintliche Alleswisser und Zukunftsbeschwörer. Ich gucke mir die Lobos dieser Welt nie an. Das ist mir zu anstrengend.

Die Sessions: Es ist ja immer so. Ich markiere mir vorher in der App diverse Sachen, die ich unbedingt sehen möchte. Und dann muss ich erst noch einen Kaffee trinken, Fotos im t3n-Bus machen, mit Menschen quatschen und in der Sonne sitzen. Und nach drei Sessions verabschiedet sich mein Kopf eh meist ins breiige Nirvana. Insgesamt war es für mich dieses Jahr sehr emotional. Ich hab mir offenbar die harten Sachen rausgepickt. Einiges, was ich gesehen habe, war mir zu oberflächlich, zu sehr Drumherumgeschiffe, zu viel Kreisen ums eigene Ego und den eigenen Tellerrand. Das war ein bisschen schade, passiert aber jedes Jahr.

Meine Freundin Amina hat über Rassismus im Netz gesprochen. Leider wurde diese Session nicht aufgezeichnet. Amina hat bedrückende Beispiele gezeugt, die alle nur ihr persönlich (!) passiert sind. Sie hat Handlungsoptionen aufgezeigt und selbst berichtet, wie schwer es ihr manchmal fällt, sich auf Diskussionen einzulassen. Und vor allem hat sie betont, dass Rassismus im Netz nicht erst seit einem Jahr im Netz ein Thema ist. Rassismus im Netz gibt es seit es das Netz gibt. Der weitere Verlauf der re:publica sollte zeigen, dass das einigen Leuten offenbar noch nicht klar war – zum Beispiel, wenn ein Stage-Moderator davon spricht, dass der Hass im Netz seit einem Jahr deutlich werde.

Friedemann Karig hat über uns als pubertierende Gesellschaft gesprochen. Besonders interessant dabei: Wie sehr manche Clips, Textabschnitte und sonstige Infos aus dem Zusammenhang gerissen werden, um noch mehr zu polarisieren und die große Masse der "naja, egal"-Menschen weiter an die Ränder der Meinungen zu treiben. Wie sehr und warum wir nicht in der Lage sind, online zu diskutieren und zu welchen Szenarien das alles führen kann. Außerdem hat er ein niedliches Hundevideo gezeigt.

Lisa Altmeier hat mich so zum Lachen gebracht, dass ich heulen musste. In ihrer Session "Familienchats aus der Hölle" hat sie echte Whatsapp-Chatverläufe aus Familiengruppen gezeigt und diese analysiert (leider auch nicht online verfügbar). Ich hab in so vielen Gesprächsverläufen meine Eltern wiedererkannt, es war fast erschreckend. Tolle Session, aber, genau wie bei Amina, viel zu voll und stickig. Der Boden war mein Sitzplatz.

Yasmina Banaszczuk sprach über Fanfiction und Porn und ich sage mal so: viel gelernt! Die Session gibt's auch nicht online, ist in Sachen Jugendschutz vielleicht auch besser so, aber für die, die sie nicht gesehen haben, sehr schade. Super spannend – wie Fanfiction Pornokonsum verändert, was es eigentlich so gibt auf dem Markt, wie diese Sachen entstehen und vieles mehr. Tipptopp!

Und Lucie Höhler sprach über ihre eigene Erfahrung, wie sie innerhalb von einem Jahr Coden gelernt hat und einen Job als Junior Frontend Developer gefunden hat. Die Session wurde, soweit ich weiß, privat aufgezeichnet und kommt hoffentlich bald online. Denn: super Ding. Auch, wenn ich nie eine Coderin sein werde, Lucies Vortrag war eine Metapher für "Wenn du richtig Bock hast und Schmerzen aushält, kannst du alles schaffen". Das war toll! Tatsächlich hat sie es geschafft – sie war früher Online Editor und ist nun Frontend Developer. Mit richtigem Job und richtig Geld verdienen. Beeindruckend! Ihre Lernkurve hat sie in zehn Steps zusammengefasst. Das war schön rund und motivierend.

Ihr habt nicht viel Zeit und keine Lust, euch durch alle Sessions zu wühlen? Hier das, was ich am Herausragendsten fand:

Kübra Gümüşay sprach über #OrganisierteLiebe. Am liebsten würde ich jeden Satz von ihr zitieren. Sie hat so viele kluge, wichtige Sachen gesagt und so emotional gesprochen, dass sie am Ende zu Recht Standing Ovations bekommen hat. Unbedingt anschauen!


Direkt im Anschluss hab ich Carolin Emcke gelauscht, die fantastisch über das Raster des Hasses gesprochen hat. Sehr beeindruckende Rede, sehr gute Schlussfolgerungen, sehr ruhige Vortragsweise, ich war komplett gefesselt. Den Talk gibt es leider nicht als Video, dafür ab Herbst als ganzes Buch. Ein Lesemuss! (Dass im Anschluss als erstes ein weißer Dude fragt, ob die Nazis in Claußnitz von Emcke nicht zu undifferenziert betrachtet wurden, sagt auch schon alles aus.)


Eigentlich hätte ich an dieser Stelle gerne noch Milena Glimbovski und Jan Lenarz mit ihrer Session "Wie man digital und analog ein radikal-achtsames Leben führt" empfohlen. Oder die Session "Ziemlich schlechte Freunde? Depression und Social Media" von Kati Krause und Uwe Hauch. Beide habe ich online leider noch nicht gefunden, obwohl sie angeblich aufgezeichnet wurden. 

Snapchat: Das allgegenwärtige Thema dieser re:publica. Kokettieren mit "zu alt dafür", Teenies mit Sessions, in denen sie erklären, dass die App eh nichts für Erwachsene sei (das sehe ich übrigens gar nicht so, wir nutzen sie nur anders) und all überall Smartphones, die die nächsten Snaps aufzeichnen. Ich war hyper kreativ [/ironie] und habe Leute, die ich getroffen hab, gefragt, was sie so gelernt haben in den Sessions. Das kam gut an. Der beste Event war dann einer, der offiziell gar nichts mit der re:publica zu tun hatte und nur die Anwesenheit der ganzen Netzmenschen genutzt hat: Happy Snapping. Weg von "an der Oberfläche kratzen" und "hier musst du drücken, um einen Filter zu benutzen" hin zu "So erzählt man übrigens Geschichten". Spannender Abend, bei dem ich auch ein bisschen was erzählen durfte. Das einhorn-Büro platzte aus allen Nähten! Organisator Philipp hat das Ganze hier noch einmal zusammengefasst. Jetzt hab ich nur noch mehr Bock auf Snapchat. 

Und sonst so? 
Tja. Weltverändernde Dinge passieren auch auf der re:publica nicht. Trotzdem ist es immer wieder schön. Ob man unbedingt ein Feuerwerk am Ende gebraucht hätte, sei dahin gestellt. Die Nudeln aus dem Restaurant waren ein kulinarischer Albtraum. Und so'n Obstsalat wäre auch mal ganz schön. Aber was soll's, kann ich mir ja zumindest mitbringen. Der Käse hat übrigens wirklich gestunken. Richtig doll. Nicht nur so schönes "Mmmh, Käse"-Stinken. Sondern Stinken. Kotzestinken. Ob man deshalb gleich den ganzen Stand verbannen muss, ist eine andere Frage. Wie immer nehme ich viele neue Gedanken und Ideen mit. Was ich davon in nächster Zeit schriftlich umsetzen kann, ist auch eine andere Frage.

Danke, re:publica! See you next year, (vielleicht)! 

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