2016-06-05

IM HINTERGRUND BRENNEN HÄUSER

Fremdenfeindlichkeit.

Als wäre Boateng ein anderer Fremder als andere Nachbarn.
Als wäre mein Nachbar sonst immer ein Bekannter, ein Unfremder.
Als ginge es in dieser Aussage um das Fremdsein.
Als ginge es in dieser Aussage nicht eher um die Hautfarbe.
Und darum, dass die Hautfarbe Boatengs die andere ist. Die Unbekanntere.
Die vermeintlich Angsteinflößende.
Als wäre es nicht Fremdfeindlichkeit. Sondern Rassismus.
Als würde der Konjunktiv alles immer ein bisschen weniger schwermachen, immer ein bisschen mehr mit einem vielleicht versehen.

Es ist Rassismus.

Denn das, was Gauland da gesagt oder nicht nicht gesagt hat, ist rassistisch. Ob er sich mit Fußball auskennt oder nicht. Und es ist aber noch eines: Es ist die bittere Wahrheit.

Es gibt sie. Die Leute da draußen, die nicht neben dem vermeintlich Fremden wohnen wollen.
Und was ist denn fremd?
Boateng ist Deutscher.
Er hat einen deutschen Pass.
Er spielt für die deutsche Nationalmannschaft.
Er ist ein guter Deutscher.
Einer, der sich aufreibt.
Der arbeitet.
Der dafür aber wirklich gut Deutsch sprechen kann.
Der sich vorbildlich integriert hat. Obwohl er das doch gar nicht musste. Er ist in Berlin geboren. Er sieht halt nur nicht aus wie du. Was ihn für dumpfe Menschen mit Brei im Kopf zum Fremden macht. Zu dem, der nicht so aussieht wie ich. Zu dem, der zwar hier sein darf. Aber nicht hierhergehört.

2015 gab es 30 Prozent mehr rechtsextreme Straftaten als im Jahr davor.
13.846.
13.846.
Das sind 38 rechtsextreme Straftaten pro Tag.
Und das sind nur die, die als rechtsextrem eingestuft werden.
Dazu gehören nicht die Straftaten, bei denen ein politischer Hintergrund nicht vermutet wird. Bei denen die Polizei daneben steht, die Nazitattoos auf dem Nacken des Verdächtigen zählt und trotzdem vermutet, dass es halt ein dummer, betrunkener Jungenstreich war.
Und im Hintergrund brennen Häuser.

Ängste nähren Wut.
Parolen nähren Ängste.
Extremisten nähren Parolen.

Und im Hintergrund brennen Häuser.

Gauland ist vieles nicht. Aber er ist schlau. Es sind nicht mehr die spiegelglatten Glatzen in ihren Springerstiefeln, die die Gesellschaft in Europa immer mehr an den rechten Rand rücken. Es sind viel mehr.

Es sind die, die formulieren können. Die wissen, wie sie Ängsten noch mehr Futter geben. Die wissen, dass jetzt ihre Chance gekommen ist. Die Rückhalt haben – in ihrer Partei, in ihrer Gruppe, in ihrem Viertel, bei ihren Freunden.

Es sind die, die durch Verständnis Wut erzeugen können. Die Zweifelnden zuhören, anstatt sie zu übergehen. Die immer noch mehr abgrenzen, als Zäune niederzureißen.

Es sind die, die Vorurteile instrumentalisieren können. Die Religionen instrumentalisieren können. Die so schön und immer wieder, alles über einen Kamm scheren, so sehr, dass das Meinungshaar danach ganz fettig sein muss.

Es scheint so einfach, sich durch intellektuelles Geschwurbel von „denen“ abzugrenzen. Rechte Aufmärsche, Pegida-Befürworter, Höcke und Gauland und all die anderen als „Pack“ zu bezeichnen. Aber so lange die SPD die Bedeutung des S in ihrem Namen noch verzweifelt im Dreck des Machtgehabes wiederfinden muss. Und solange die Grünen mit scheinbar zugeklebtem Mund verzweifelt Maiskolben auf den Grill legen, um sich nicht die Hände an Menschenfleisch zu verbrennen. Und solange die Linke sich mit zuckergeschocktem Gesicht überhaupt erst einmal neu erfinden muss. Solange marschiert genau dieses Pack selig-lächelnd an ihnen vorbei und macht eine immer länger werdende Polonaise durch Deutschland, durch Europa.

Und im Hintergrund brennen Häuser.

Ich bin in den letzten Monaten so müde geworden. Denn im Hintergrund brennen Häuser. Und alles, was ich gerade versuche, ist ein Löschversuch mit einer Spritzpistole.

Ich weiß wirklich nicht mehr weiter.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen