2016-10-04

BABYS FÜR DIE GESELLSCHAFT - TEIL II

Vor mehr als zwei Jahren schrieb ich über den Besuch bei der Vertretung meiner Frauenärztin. Es ist mir wichtig, hier die Vertreterin noch einmal zu erwähnen, weil meine eigentliche Frauenärztin wirklich toll ist. Sie lobt mich immer für meine Brüste. Aber das wissen Sie ja schon.

In jedem Fall gerieten die andere Frauenärztin und ich ein wenig aneinander, weil sie sich sehr übergriffig verhielt und mir erklärte, dass ich ja nun in der Pflicht sei, Kinder zu bekommen, so mit dreißig Jahren, die ich mein Leben schon kinderlos vertrödelt hätte und dass das mit den Kindern eben nicht immer später möglich sei, so wie das ihrer Meinung nach die halbe Welt inzwischen handhaben würde. Ich erklärte ihr, dass es da schon sowas wie einen Zeitplan geben würde und ich wohl in zwei, drei, vier, fünf Jahren, also irgendwann sicher so etwas wie ein Kind haben wollen würde. Dass ich bis dahin aber noch ein bisschen Zeit bräuchte, um auf Bühnen Texte über meine Abscheu gegenüber Kindern vorzutragen, dass erzählte ich ihr nicht. Überhaupt verstehe ich bis heute nicht, wie eine Ärztin, die keinerlei Background meinerseits kennt, die nicht einmal weiß, ob ich Frauen oder Männer oder beides oder keines liebe und wenn ja, ob ich jemanden zuhause hätte, der auch Feuer und Flamme für diese Baby-Idee wäre, wie so eine Ärztin mir erzählen kann, ich sollte jetzt dringend Kinder kriegen.

--- Schnitt ---

Der Mann und ich sitzen in St. Andrews in Schottland in einem Pub, beziehungsweise vor einem Pub, weil es für schottische Verhältnisse wirklich mal sehr warm ist. St. Andrews ist dafür bekannt, dass es eine Uni hat und dass sich an dieser Uni Prinz William und Kate kennengelernt haben. Prinz William hat Kunstgeschichte studiert, wie ich und das bedeutet, ich bin in Wirklichkeit vielleicht eine Prinzessin.
Auf jeden Fall gibt es in St. Andrews auch ein kleines Café, das mit einer Aufschrift dafür wirbt, dass sich genau in diesem Café William und Kate das erste und danach viele weitere Male getroffen haben. Es ist so ein kleines Alte-Damen-Café und ich finde die Vorstellung sehr witzig, dass die Beiden nicht wie normale Menschen in einen Pub oder an den Strand gegangen sind, sondern eben in dieses kleine Café und dann vielleicht immer ein Stück Buttercremetorte gegessen haben.

Der Mann und ich sitzen dort und mir fällt auf, dass ich seit einigen Tagen ein komisches Verhalten an den Tag lege. Ich bin oft schlecht drauf und hatte in Edinburgh keinerlei Lust, Dinge zu kaufen. Also auch keine Kleidung. Ich habe nichts gekauft, ich bin einfach nur dem Mann hinterhergedackelt und habe gesagt, ich weiß auch nicht, das gefällt mir nicht und dieser Rotton und überhaupt. Und der Mann war ganz schockiert und hat gesagt: „Wenn du nicht bald ordentlich menstruierst, dann weiß ich auch nicht.“

Und dieser Satz fällt mir wieder ein, als wir da so sitzen und ein dunkles Bier trinken. Ach ja da war ja was, menstruieren, Moment mal. Ich hole mein Handy heraus und öffne die App. Und ja, mein Gefühl trügt mich nicht, ich wäre dran und zwar schon seit einiger Zeit. Hm, denke ich und schaue das Bier an. „Hm“, sage ich und schaue den Mann an. „Weißt du, also, ich wäre schon längst dran, meine Periode meine ich, die wäre dran. Vielleicht kaufen wir gleich lieber noch einen Schwangerschaftstest.“ Und dann trinke ich ganz schnell das Bier aus, weil ich Angst habe, dass es mein letztes sein könnte.

In der Pharmacie überlege ich, welcher Test wohl zuverlässiger ist, der für 3 Pfund oder der für 8 Pfund und dann denke ich, das ist ja wohl Quatsch, die testen beide mein Pipi, was soll da schon anderes rauskommen und nehme den für 8 Pfund, nur zur Sicherheit. Wir übernachten im Studentenwohnheim. Das macht man so als Tourist in St. Andrews. Man schläft in viel zu kleinen Zimmerchen, die nicht eingerichtet sind, aber einen kleinen Fernseher haben und in die in ein paar Wochen dann wieder die Studenten einziehen. Ich bin ein bisschen angetrunken von diesem dunklen Bier und stehe im Badezimmer herum. Ich mache das nicht zum ersten Mal, aber jetzt ist es doch irgendwie aufregender, weil ich wir es ja drauf angelegt haben, es wäre ja Absicht, wenn da jetzt wirklich... aber nein, das kann nicht sein.

Wenige Minuten später sind da zwei rosa-farbene Streifen auf dem teuren Teststreifen und ich sage zum Mann: „Huch.“ Mehr sage ich nicht. Dann halte ich ihm den Test hin. „Oh“, sagt er, „also, das würde ich jetzt doch als aufregend bezeichnen.“ Und im Hintergrund jubelt das Kandidatenpärchen einer Quizshow auf Channel 5 stellvertretend für uns.
Ich bin jetzt sehr aufgeregt und leider immer noch angetrunken, das geht ja nicht sofort weg. Ich mache mir deswegen Sorgen und sehe mich schon in vierzehn Jahren mein völlig verwahrlostes, betrunkenes Kind von der Polizeiwache abholen, nur weil es zu früh an dieses Zeug gewöhnt wurde. Oder trinken die heutzutage nicht vielleicht schon mit elf? Oh Gott.
Dann fange ich an, zu überlegen, was wir jetzt alles kaufen müssen. Ein Bett und eine passende Matratze und eine Spieluhr und so Schutz-Kopfhörer, damit wir das Kind mit auf Konzerte nehmen können. Ich mache im Kopf völlig unzusammenhängende Listen von Dingen, die man auf jeden Fall nicht als erstes braucht, wenn man gerade festgestellt hat, dass man schwanger ist.
Der Mann liegt immer noch da und überlegt. „Aber das ist doch was Gutes, oder?“ sagt er, „das wollten wir doch?!“ „Ja“, sage ich, „jaja, aber jetzt, wo es ernst wird, ist es doch komisch, oder? Auf jeden Fall kann ich jetzt keinen Whiskey trinken in diesem schönen, schönen Whiskey-Land.“ „Du wirst es überleben“, sagt der Mann, aber ich bin mir da noch nicht so sicher.

Als wir wieder zuhause sind, schaue ich mir die Eröffnungsfeier der Olympiade an. Sie wird gerade im Fernsehen wiederholt, als der Mann im Arbeitszimmer Klausuren korrigiert und ich herumsitze und dann eben dort hängenbleibe. Die Flamme wird entzündet und ich fange an zu weinen, einfach so, weil es so schön ist. Ich heule bis zum Ende durch, weil die Sportler sich so freuen und immer ein Kind dabei ist, das so ein niedliches Bäumchen trägt. Alles ist sehr schön. Als der Mann ins Zimmer kommt, macht er sich über mich lustig. Ich heule sonst nie und vor allem nicht in der Öffentlichkeit meines Wohnzimmers. Höchstens, aber allerhöchstens mal im Schlafzimmer oder abschließbaren Badezimmer, schon gar nicht im Kino oder bei anderen Gelegenheiten, wo andere Leute dabei sind. Ich gelte als emotional abgestumpft, weil ich nicht so wie eine Freundin weinen kann, wenn Pikachu eine neue Attacke lernt. Kurz: Ich weine wirklich selten. Und jetzt plötzlich bei jeder Gelegenheit. Ich habe mir letztens einen wirklich kitschigen Liebesfilm angeschaut und quasi schon beim Vorspann Tränchen verdrückt, weil alles so schön sonnig aussah. Hormone sind nicht einfach zu händeln.

Meine Brüste werden immer größer und ich habe Angst, dass sie mir über den Kopf wachsen. Wobei das wirklich witzig aussähe. Das ist eine der Veränderung, an der der Mann sehr interessiert ist. Hier, schau mal, das ist jetzt anders runzelig und das hat eine andere Farbe, irgendwie dunkler, aber auch schön, und wow, wie schwer sie jetzt sind, nimm die mal in die Hand und ich sage, die hängen an mir dran, immer, ich weiß, wie schwer die jetzt sind.

Der Umzug wird vorbereitet, in eine Wohnung, die auch ein Kinderzimmer hat. In eine ganz große Altbau-Wohnung, bei der mich alle fragen, wen ich dafür bestochen habe und ich nur antworten kann, keine Ahnung, wir hatten Glück, ein bisschen muss man sich ja auch engagieren und die Gentrifizierung vorantreiben und dann weine ich wieder, weil ich ein schönes Poster für das zukünftige Kinderzimmer gesehen habe.

Ich esse Gurken, weil man das so macht und bin froh, dass ich nicht im Hochsommer schwanger sein werde, weil wirklich niemand weiß, wie man sich dann die Beine rasieren soll (denn das eine der wichtigsten Sachen, laut diesen Ratgebern). Eigentlich ist noch gar nicht viel passiert, außer ein paar Ultraschallbilder und Herztöne und dieses verwunderte Gefühl, dass da jetzt jemand in einem wohnt und bald rauskommt und dann in der Wohnung wohnt, ohne sich vorgestellt zu haben, ohne WG-Casting, einfach so.

Ich hoffe, dass die frohe Nachricht bis zu der Vertretung der Frauenärztin durchgerungen ist. Auch, wenn ich das Baby bekommen werde, weil ich es haben will und weil es sicher furchtbar süß und sehr klug sein wird, wie der Mann und ich und nicht, weil sie gesagt hat, dass ich das muss. Und dann muss man mal schauen, was so passiert, wie sich das Baby entwickelt und welche Hobbies es haben wird. Der Mann sagt, es darf kein Hip Hop hören, so was gäbe es zuhause nicht (er ist überzeugter Punker) und ich sage, es darf auf keinen Fall Ornithologie spannend finden, solche Leute sind immer komisch und am Ende wird es ein hip-hop-hörendes Kind mit großartigen Ornithologie-Kenntnissen und viel Streetcredibility und das ist ja dann eigentlich auch egal.

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