2016-11-14

SÜDSTADT. ODER: EIN UMZUG.

Der Mann und ich wohnten seit fünf Jahren und zwei Monaten in der Südstadt. Es war die erste Wohnung des Mannes in Hannover und meine zweite. Wobei ich mich an meine erste Wohnung nicht erinnern kann, denn da war ich ein neugeborenes Baby und gab nicht viel auf Quadratmeterzahlen und Einrichtung. Schon bald nach meiner Ankunft in der ersten Wohnung, dachten meine Eltern plötzlich, es sei besser, wieder in ihre Heimat zurückzuziehen und dann wohnten wir bald in der Stadt, deren Namen nicht genannt werden darf.

Jetzt sind der Mann und ich in unsere zweite beziehungsweise dritte Wohnung in Hannover eingezogen. Es ist nicht so, dass ich die Südstadt nicht mag. Allerdings sehe ich jedes Mal in enttäuschte Gesichter, wenn ich gefragt werde, wo in Hannover ich wohne und meine Antwort nicht „Linden“ oder vielleicht noch „Nordstadt“ lautet. Menschen sortieren gerne. Und mich sortieren sie in die „Linden“-Schublade. Weil ich Vorurteile gerne bestätige, bin ich jetzt nach Linden gezogen.
Die Südstadt ist ein ruhiges Viertel. Langezogen von der Marienstraße bis zur Bult, wabert dort ein Stadtteil so vor sich hin. Seit zwanzig Jahren warten die Leute darauf, dass die Südstadt doch auch mal so ein hippes Viertel wird, wie sie es sich erhofft hatten, aber die wenigen hippen Lädchen, die dafür sorgen könnten, müssen nach einem halben Jahr wieder schließen. Stattdessen haben wir eine Apotheke, die „Bunte Tüte“ heißt, was wirklich irreführend sein kann und einen der größten Edeka-Märkte Deutschlands, dessen Entstehung im Magazin Stern begleitet wurde, weil es nicht nur ein großer, sondern auch ein wirklich moderner Edeka-Markt ist. Mit Solarplatten auf dem Dach. Das ist ungefähr das Spektakulärste, was in den letzten zehn Jahren in der Südstadt passiert ist.

Wir wohnten in einer dieser kleinen Seitenstraßen, die nach Feministinnen aus Politik und Philosophie benannt sind und die kein Schwein kennt. Diese Straßen haben mich gerufen und ich bin gekommen. Es sind nur drei Gehminuten zum Bahnhof Bismarckstraße und wenn man auf dem Balkon sitzt, dann fühlt man sich als sei man in einer sehr kleinen Kleinstadt. In der Südstadt wohnen viele alte Menschen und ein paar Familien, die sich nicht nach Linden trauen.

Einmal haben wir im Keller eine kleine Party mit allen Leuten aus dem Haus veranstaltet. Es gab Eierlikör im Kaffee und später Grillwurst. Herr M. hat erzählt, wie es in der Südstadt direkt nach dem Krieg war. Wie er zwischen all dem Geröll Fußball gespielt hat und immer, wenn es aus der Gilde-Brauerei klingelte, mussten sie kurz die Schienen räumen, damit das Bier ausgeliefert werden konnte. Zehn Jahre später hat er eine der Wohnungen für sich und seine Verlobte gemietet. Sie kostete fünfzig Mark. Jetzt kostet sie mehr, aber die beiden wohnen immer noch dort.

Seitdem ich in unserem Haus wohnte, wurden mehrmals Fahrräder geklaut – immer nachts und immer alle aus der Straße. Außer meinem. Das stand dann einsam und allein herum. Wahrscheinlich war es in der Größe für niemanden zu gebrauchen. Einmal wurde eingebrochen. In die Wohnung oben links. Dort brechen sie am liebsten ein, sagt mein Vater. Dann hätten sie das Treppenhaus im Blick und könnten aber selbst nicht beobachtet werden. Der Mann hat die Typen gehört. Er saß gerade auf dem Klo, als sie sehr schnell wieder runterrannten. „Kommen die nochmal wieder?“, fragte ich ängstlich meinen Vater. „Die wahrscheinlich nicht, aber vielleicht andere.“ Das beruhigte mich nur bedingt.
Zuletzt versuchten Trickbetrüger unsere ältere Nachbarin unten rechts zu verarschen. Sie hat sie aber nicht reingelassen, die kluge Frau. Es wurde Zeit, dass wir aus der kriminellen Südstadt verschwinden.

Das „Spiegel“ ist schon vor langer Zeit verschwunden. Selbst die Tapas-Bar, die danach in das Gebäude eingezogen ist, musste schon wieder schließen schon mehrmals umgebaut werden. Ein paar Meter die Straße hoch, wird gerade das alte Pindopp renoviert. Wenn es fertig ist, heißt es nicht mehr Pindopp, sondern „Extrablatt“ und dann ist eh Hopfen und Malz für die Südstadt verloren.
In den Bahnhof Bismarckstraße ist vor einem halben Jahr ein Paulaner Brauhaus eingezogen. Entgegen meiner Hoffnungen ist es dort regelmäßig sehr, sehr voll. Manchmal stolpern abends Messebesucher, hilflos in Möchte-Gern-Lederhosen gekleidet, aus der Tür des Restaurants. Sie wanken die S-Bahn-Treffen hinauf und pinkeln dort in die Ecken. Als ich das das erste Mal sah, war der Zeitpunkt gekommen, sich nach einer neuen Wohnung umzusehen. Lederhosen sind nun wirklich zu viel des Guten.

Das Baby kündigte sich an und der Mann begann, nach Wohnungen zu suchen. Wir wären auch in der Südstadt geblieben, so ist es nicht, aber so richtig schöne Wohnungen gab es nicht. Und wer möchte schon direkt an der Sallstraße über einem Restaurant wohnen? Meine Mutter rief an und berichtete erfreut, dass sie jemanden kenne, der eine Wohnung in Herrenhausen freimachen würde. Ich legte kommentarlos wieder auf. Als ich mich beruhigt hatte, erklärte ich ihr per Whatsapp, dass in Herrenhausen nur Langweiler und Zahnärzte wohnten, was ja eigentlich ein- und dasselbe ist und dann hat sie es auch eingesehen.
Der Mann hatte inzwischen einen Automatismus im Daumen. Alle zehn Sekunden aktualisierte der Finger von selbst die Immobilienscout-Seite. Und dann stand da plötzlich diese Wohnung in Linden-Mitte – bezahlbar, groß, Altbau, den besten Käsekuchen der Stadt direkt gegenüber. Wir durften noch am selben Abend vorbeikommen und ich spielte die Babykarte wie ein Profi, obwohl man wirklich noch gar nichts sah. Fünf Minuten nach uns klingelten dreißig weitere Paare, die alle leider sehr nett zu sein schienen, größere gewölbte Bäuche vor sich hertrugen und manchmal sogar ein fertiges Kind dabeihatten. Was für ein Mist.

Am nächsten Tag unterbrach der Mann seinen Unterricht in der Oberstufe, was nur gegen Versprechungen von Schnaps beim Abiball möglich war und rief die Vermietung an. Ist vielleicht besser, wenn der Beamte sich dort meldet und nicht die freischaffende Künstlerin, dachten wir. Die Frau am anderen Ende bat ihn um eine Minute, um wenigstens noch ihren Computer hochzufahren und den Mantel abzulegen und dann durften wir die Selbstauskunft ausfüllen. Und aus irgendeinem Wunder durften wir jetzt in die Wohnung einziehen. In so einer Wohnung wollte ich schon immer wohnen und jedes Mal, wenn ich drinstehe, stelle ich mir vor, wie das Kind durch den Flur rennt und unter seinen kleinen Patschefüßen das Parkett vor sich hin knarrt.

In Zukunft muss ich also nicht mehr nachts mit dem Taxi von der Lesebühne heimfahren, was mir leider ein paar weniger Taxigeschichten einbringen wird. Dafür darf ich dann irgendwann vielleicht bei der nächsten Linden-Anthologie von Kersten und Henning mitmachen und allein dafür hat sich so ein Umzug ja schon gelohnt.

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