2017-02-21

ENTSPANNUNG. ODER: "WAS KANN ICH ALS NÄCHSTES ERLEDIGEN?"

In der „Flow“ habe ich mal gelesen, man solle Entspannung nicht als Punkt auf der To-Do-Liste sehen. Unabhängig davon, dass ich die „Flow“ wenige Male im Jahr immer nur aus Verzweiflung kaufe – weil ich alle anderen Monatsmagazine schon gelesen habe – hat mich dieser Satz ins Mark getroffen.
Ich hasse basteln. Alles, was ich male, sieht aus als hätte es ein dreijähriges Walross auf ein Blatt Papier gespuckt. Mandalas machen mich aggressiver als die Leute, die in der Straßenbahn nicht in den Gang durchgehen. Morgens früher aufstehen, um irgendwas extra zu machen (zum Beispiel Yoga, hahahaha) oder entspannt einen Kaffee zu trinken, halte ich für bekloppt, weil ich sehr gerne schlafe. Kurz: Ich kann mit Zeitschriften wie der „Flow“ nicht viel anfangen.
Aber dieser eine Satz, der hat mich getroffen. Weil ich mich nämlich komplett wiedererkannt habe.

„Ja, da versuche ich dann mal, zu entspannen“, ist immer mein Plan für die kleinen Lücken in meinem vollgestopften Terminkalender. Es hat aber sehr wenig mit Entspannung zu tun, wenn man sich verkrampft auf das Sofa setzt und denkt: „So, in den nächsten drei Stunden entspannst du jetzt mal.“ Nach spätestens zwei Minuten habe ich irgendeinen Quatsch im Fernsehen gefunden oder ein Handyspiel gespielt, und mich nach einer Stunde gefragt, wo die Zeit nur wieder hin ist. Und danach stehe ich auf, denke, jetzt habe ich halt ein bisschen entspannt und suche mir eine Aufgabe.
Vor allem, seitdem ich komplett selbstständig bin, finde ich Wochenende noch anstrengender als vorher. Wochenenden, an denen ich nichts zu tun habe und die ich eigentlich genießen sollte. Ich kann sie nicht genießen, weil ich nichts zu tun habe und deshalb das Gefühl in mir aufkommt, unproduktiv zu sein. Und das ist natürlich etwas Schlechtes. Der Mann kann zwei Tage lang auf dem Sofa rumliegen und nichts tun. Er fühlt sich dabei total gut. Ich fühle ein schlechtes Gewissen.

Ich musste zu Beginn der Selbstständigkeit lernen, dass es vollkommen in Ordnung ist, nicht morgens um 8 Uhr am Schreibtisch erreichbar zu sein, wenn man bis spät in die Nacht auf einer Bühne gestanden hat. Dass das kein Ausschlafen ist, sondern einfach nur Schlafen, weil ich nämlich viel später als alle anderen ins Bett gegangen bin.
Dass es ok ist, auf Zugfahrten auch einmal etwas zu lesen, das nichts mit meinem Job zu tun hat und diese zwei Stunden einfach komplett zu verplempern genießen.
Und dass es nicht nur in Ordnung, sondern absolut notwendig ist, sich zwischendurch Lücken zu schaffen und diese mit vollkommen unsinnigem Zeug füllen zu dürfen. An letzterem arbeite ich noch.

So schlimm wird es hoffentlich nicht.
Bald wird sich mein Leben um 180 Grad drehen. Hashtag Baby. Das ist mir total bewusst. Vielleicht wird sich das mit der Entspannung dann auch von selbst erledigen, weil Entspannung dann gleich Schlaf ist und sowieso viel zu selten vorkommen wird in den nächsten Jahren. Am 2. Februar bin ich von einer TV-Aufzeichnung mit dem Zug nach Hause gefahren, am schrecklichen Hannover Hauptbahnhof ausgestiegen und habe gedacht: „Das war’s jetzt. Zumindest für längere Zeit. Ich werde jetzt sehr lange nirgends mehr hinfahren.“ Das war der Beginn meines Mutterschutzes. Da bin ich richtig kribbelig geworden. Die letzten drei Jahre war ich mehr als die Hälfte aller Tage im Jahr unterwegs. Manchmal mehr als zweidrittel aller Tage. Ich habe das Packen optimiert und kenne fast jeden Bahnhof in Deutschland besser als meine Wohnung. Und das macht mir Spaß. Ich bin gerne unterwegs und jeden Tag woanders. Jetzt also Mutterschutz. Nicht den offiziellen, weil ich ja gar nicht angestellt bin, aber schlecht ist dieser Gedanke ja nicht, sich auf das Baby vorzubereiten und einzusehen, dass man auch körperlich nicht mehr in der Lage ist, stundenlang mit dem Zug durch die Gegend zu gondeln, in Hotelzimmern zu schlafen und durch Städte zu hetzen.


Die Ranunkeln passen gut auf den Esstisch.
In den letzten Wochen habe ich jetzt also versucht, meine freie Zeit zu genießen. „Genieß deine freie Zeit“, sagen sie. „Freu dich darüber, bevor das Baby da ist“, sagen sie – als wäre mein Leben dann am Ende. „Schlaf!“ rufen sie. Zusammen mit dem Mann habe ich das Kinderzimmer eingerichtet. Ich habe alle Kolumnen geschrieben, die es vor der Geburt noch zu schreiben galt und alle Termine, die nach der Geburt auf mich zukommen, organisiert und abgesprochen. Ich habe sehr viele Excel-Listen gemacht und meine Pause organisiert für das Team, mit dem ich im Oktober die Deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaften in Hannover ausrichten werden. Ich habe alle Babysachen gewaschen und getrocknet. Ich habe meine Steuererklärung gemacht. Ich habe alle aktuellen Ausstellungen und Kinofilme in Hannover gesehen. Ich habe einen Podcast gestartet und daraus direkt eine Live-Talkshow gemacht. Ich war noch nie in meinem Leben so oft zum Frühstück verabredet. Ich habe mehr Bücher gelesen als in den letzten drei Jahren zusammen und Angst, dass meine Netflix-Liste bald leer ist. Ich merke, dass ich – je mehr Zeit ich habe – immer fauler werde. Das ist ein gutes Zeichen. Ich war inzwischen sogar zweimal auf dem Markt, um Waffeln und Blumen (Ranukeln!) zu kaufen. Auf dem Markt! Da war ich vorher noch nie. Ich durchstöbere das Internet und kaufe nichts, weil alles viel zu teuer ist. Ich warte tagsüber darauf, dass der Mann nach Hause kommt und die aktuell aufregenden Fragen für mich lauten: „Müssen wir noch einkaufen?“ und „Wann kommt die Hebamme zur Akupunktur?“. Ich scrolle mich durch die Vorschläge von Instagram und habe Angst, dass manche Menschen mich für eine Stalkerin halten, weil ich so viele ihre Bilder like, um irgendwas getan zu haben. Manchmal schminke ich mich, obwohl ich das Haus nicht verlassen werde, einfach damit ich was zu tun habe. ICH KANN NICHT RUHIG RUMSITZEN. Inzwischen auch nicht mehr, weil der Bauch auf alle Organe drückt – aber das ist eine andere Geschichte.

Ich habe diese Menschen auf Instagram und Twitter immer bewundert, die augenscheinlich Wochenenden damit verbringen, ganze Serien am Stück zu schauen. Ohne das Bett zu verlassen (und dabei ihre hübsch tätowierten Beine mit Kaffeetasse und Laptop und dieser Blümchen-Bettwäsche von Ikea vor die Handykamera halten)! Das kann ich immer noch nicht. Aber ich bin auf einem guten Weg. Ich hoffe, bis zum Tag der Geburt zumindest einmal gelernt zu haben, wie komplette Entspannung ohne schlechtes Gewissen funktioniert. Dann weiß ich, auf welche Technik ich in vielen, vielen Jahren zurückgreifen kann, wenn ich dann mal wieder Zeit habe, genau diese zu verplempern. Und jetzt entschuldigt mich, zumindest mit „How to get away with murder“ will ich vor der Geburt noch fertig werden.

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